Katastrophe in Italien

Zwölf Jahre Haft wegen Brückeneinsturz in Genua

16. Juli 2026 , 15:37 Uhr

Im Sommer 2018 bricht in Genua eine Autobahnbrücke spektakulär zusammen. 43 Menschen sterben. Jetzt sind die Urteile gegen die damals Verantwortlichen da - alles in allem fast 200 Jahre Gefängnis.

Es war eine Katastrophe mitten im Sommer, mitten in der Stadt, mitten im Hauptverkehr: Acht Jahre nach dem spektakulären Einsturz einer Autobahnbrücke im norditalienischen Genua, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen, ist der Hauptangeklagte zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Ein Gericht in der Hafenstadt sprach den früheren Chef von Italiens Autobahngesellschaft, Giovanni Castellucci, schuldig. Der 66-Jährige war bei der Urteilsverkündigung nicht dabei: Er sitzt wegen eines tödlichen Busunglücks auf einer anderen Autobahn bereits im Gefängnis. Auch gegen andere Verantwortliche verhängte das Gericht mehrjährige Gefängnisstrafen – alles in allem fast 200 Jahre Haft.

600 Menschen verloren ihr Zuhause

In Genua war am 14. August 2018 um 11.36 Uhr die Brücke Ponte Morandi, die seit mehr als einem halben Jahrhundert durch die Stadt führte, plötzlich zusammengekracht. Auf einer Strecke von 200 Metern stürzte die Fahrbahn nach unten, weil ein Pfeiler nicht mehr hielt. Autos und Lastwagen wurden 45 Meter in die Tiefe gerissen. Experten kamen zur Einschätzung, dass die 1967 eröffnete Schrägseilbrücke wegen mangelhafter Wartung schwere Schäden hatte. Der Prozess gegen insgesamt 57 Beschuldigte dauerte vier Jahre.

Bei der Katastrophe starben nicht nur Autofahrer, die auf der Brücke waren, sondern auch mehrere Menschen am Boden. Sie wurden von herabstürzenden Betonteilen erschlagen. Zudem gab es 16 Verletzte. Etwa 600 Anwohner verloren ihr Zuhause. Mehrere Häuser mussten abgerissen werden, weil sie unter akut einsturzgefährdeten Brückenpfeilern lagen. Die restlichen Teile des Ponte Morandi – benannt nach dem Erbauer Riccardo Morandi – wurden schließlich kontrolliert gesprengt. 

Weil die Brücke in Genua wichtigste Verbindung zwischen Hafen, Flughafen und Zentrum war, war die Stadt mit ihren fast 600.000 Einwohnern zwei Jahre lang praktisch in zwei Hälften geteilt. Seit August 2020 steht an derselben Stelle eine neue Brücke, die von dem aus Genua stammenden Stararchitekten Renzo Piano entworfen und in Rekordzeit nach oben gezogen wurde. Auf ihr sind 43 Lichtmasten – ein Mast für jedes Todesopfer.

Staatsanwaltschaft beschreibt Top-Manager als Alleinherrscher

Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Castellucci 18 Jahre und 6 Monate Haft gefordert. Sie legte dem einstigen Top-Manager zur Last, bereits seit 2009 von Mängeln gewusst zu haben. Die Anklage beschrieb ihn als Alleinherrscher, der das Unternehmen wie sein «Königreich» geführt habe. Wichtiger als eine sichere Infrastruktur sei ihm der Profit gewesen. Die Verteidigung hingegen sprach von einem nicht erkennbaren Konstruktionsfehler an einem der Pfeiler. Castellucci selbst sagte: «Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig.» 

Trotz des massiven öffentlichen Drucks trat er als Chef der Autobahngesellschaft Autostrade per l’Italia (ASPI) erst ein Jahr nach der Katastrophe zurück – gegen eine Abfindung von 13 Millionen Euro. Inzwischen wurde er bereits wegen eines anderen Unglücks auf einer ASPI-Autobahn zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dabei kamen 2013 in Süditalien 40 Menschen ums Leben, als ein Bus auf einer Brücke durch die Leitplanken brach. 

Auch Ruf der Familie Benetton nimmt Schaden

Der Einsturz der Morandi-Brücke brachte es auch mit sich, dass die Unternehmerfamilie Benetton – international vor allem durch Werbekampagnen für bunte Pullover bekannt – die Kontrolle über Italiens Autobahnnetz verlor. Der Staat erzwang eine Rückverstaatlichung der Betreibergesellschaft. Zudem bedeutete das für Benetton einen schweren Imageverlust.

Insgesamt standen mehr als 50 Beschuldigte vor Gericht, neben weiteren Beschäftigten der Autobahngesellschaft und Ingenieuren, die für die Sicherheit hätten zuständig sein sollen, auch Vertreter des Verkehrsministeriums. Die damalige Nummer Drei von ASPI muss für elf Jahre hinter Gitter. Zwei weitere Ex-Manager bekamen jeweils fünfeinhalb Jahre Haft. 

Die Vorwürfe lauteten unter anderem auf fahrlässige Tötung, Fälschung von Dokumenten und unterlassene Wartung. Insgesamt verhängte das Gericht 32 Haftstrafen. In 25 Fällen gab es Freisprüche oder die Richter entschieden, dass die Vergehen verjährt seien.

Eine späte Entschuldigung

Der heutige Chef der Betreibergesellschaft, Arrigo Giana, hatte kurz vor Prozessende die Hinterbliebenen öffentlich um Entschuldigung gebeten. In einem Brief, der von der Tageszeitung «Corriere della Sera» veröffentlicht wurde, schrieb er: «Lasst uns das Schweigen brechen.»

Wie Millionen Andere habe er das Geschehen damals vor dem Fernseher verfolgt. «Ich fragte mich immer wieder, wie es möglich war, sich nicht sofort für das Geschehene zu entschuldigen. Eine weitere unverständliche Wunde.» Angehörige begrüßten die Entschuldigung – auch wenn sie sehr spät komme. Eine Sprecherin der Angehörigen, Egle Possetti, begrüßte das Urteil gegen Castellucci. Die Entscheidung des Gerichts sei «nachvollziehbar».

Quelle: dpa

 

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