Rot oder Blau?

Wie im Amazonas zwei Rinder eine ganze Stadt spalten

29. Juni 2026 , 05:00 Uhr

Zwei Rinder, zwei Farben, eine Insel: In Parintins im brasilianischen Amazonas bestimmt die Rivalität zwischen Blau und Rot das berühmte Folklorefestival - und für viele den Alltag.

Dumpf schlagen die Trommeln durch die warme Amazonasnacht. Tausende Zuschauer reißen blaue Fahnen in die Höhe, ihre Stimmen verschmelzen zu einem Chor. Die Arena bebt – aber nur auf einer Seite. Auf der gegenüberliegenden Tribüne herrscht beinahe unheimliche Ruhe. Niemand der roten Rivalen klatscht oder jubelt. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus Kalkül. 

Mitten im Amazonas, rund 420 Kilometer östlich von Manaus, ist die schwülheiße Insel Parintins an diesen Tagen in zwei Hälften geteilt. Gartenzäune, Häuserfassaden und Bars sind entweder rot oder blau gestrichen. Tuk-Tuks fahren in den Farben «ihres» Teams durch die Straßen. Ganze Viertel schmücken sich mit Fahnen ihrer Seite – und sogar Unternehmen, deren Markenfarbe weltweit eigentlich festgelegt ist, treten hier plötzlich in Rot oder Blau auf. 

Schnell stellt sich die Frage: Warum eigentlich? 

Zwei Rinder und eine alte Legende 

Der Grund ist eines der größten Folklorefestivals Brasiliens und eine Rivalität, deren Wurzeln mehr als hundert Jahre zurückreichen. Ende Juni treten zwei sogenannte Bois gegeneinander an – folkloristische Rinderfiguren: der rote Garantido und der blaue Caprichoso. 

Der Ursprung geht auf ein im Norden Brasiliens verbreitetes Volksschauspiel zurück, in der ein Ochse stirbt und wieder zum Leben erweckt wird. Daraus entwickelte sich in Parintins ein spektakulärer Wettbewerb, bei dem beide Gruppen mit riesigen Figuren, Tänzern, Trommlern und Sängern drei Nächte lang Geschichten über indigene Völker, Mythen und den Amazonas erzählen. 

Seit jeher tritt Garantido dabei mit einem Rind mit einem roten Herzen auf, während Caprichoso einen Ochsen mit einem blauen Stern als Symbol wählte. Aus den Farben der beiden Bois wurde mit der Zeit eine Identität, die heute fast die gesamte Stadt prägt. Eine Jury bewertet im Bumbódromo – der Arena der Stadt – jede Darbietung bis ins kleinste Detail. Selbst Jubel für den Gegner kann Punktabzug bringen – deshalb schweigt die jeweils andere Seite während des Auftritts des Rivalen. 

Mit dem Wohnmobil 4.000 Kilometer bis nach Parintins 

Nach Angaben der Stadtverwaltung werden in diesem Jahr rund 126.000 Besucher erwartet – das sind etwas mehr als Parintins Einwohner hat. Die Stadt spricht von der größten Ausgabe des Festivals ihrer Geschichte. Besucher reisen aus allen Teilen Brasiliens und zunehmend auch aus dem Ausland an. 

Für Außenstehende wirkt das Spektakel wie eine Mischung aus Karneval, Musical und Sportereignis. «Der Karneval in Rio de Janeiro ist eine Show. Dort bewundert der Zuschauer das Spektakel», erzählt der Besucher Anderson aus Manaus der dpa. «In Parintins ist das Publikum Teil der Aufführung.» 

Clesia Beatriz und Morales sind etwa 4.000 Kilometer aus Pelotas im südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul angereist. Seit einem Monat sind sie mit ihrem Wohnmobil unterwegs. «Unsere Leidenschaft für den Amazonas bringt uns hierher und es ist überwältigend zu sehen, wie eine ganze Stadt dieses Festival lebt», erzählt Beatriz. 

Rot und Blau unter einem Dach 

Für die Menschen auf der Amazonasinsel ist es weit mehr als ein Festival: Es ist Familiengeschichte, Identität und Lebensunterhalt. Für Priscila Soares und ihren Mann Marcinaldo beginnt die Rivalität jedes Jahr schon Monate vor dem Festival. Sie hält zu Caprichoso (blau), er zu Garantido (rot). Seit 15 Jahren sind sie verheiratet und leben in Parintins. «Bis Karneval leben wir friedlich», erzählt sie lachend. «Danach beginnt die Bullen-Saison. Dann sagt er, mein Boi sei hässlich und es wird viel geneckt.» 

Heute bleibe es bei Sticheleien. Früher hätten sich Fans wegen der Rivalität sogar geprügelt, erzählt Marcelo. Andere Paare seien während der Festivalsaison allerdings bis heute so fanatisch, dass sie zeitweise kaum miteinander sprächen. 

Die Reise gehört zum Festival 

Von Manaus aus ist Parintins in gut einer Stunde mit dem Flugzeug zu erreichen. Doch viele Besucher nehmen bewusst die fast 20-stündige Schifffahrt über den Amazonas in Kauf. Denn für sie beginnt das Festival nicht erst in der Arena, sondern schon an Bord. Zwischen Hunderten Hängematten erklingen die Toadas – die Lieder der beiden Bois. Familien reisen gemeinsam an, viele tragen bereits Rot oder Blau und singen mit. Die Anreise ist für viele längst Teil des Festes. 

Drei Nächte für ein Halbjahres-Einkommen 

Für die Bewohner ist das Festival nicht nur kultureller Höhepunkt, sondern wirtschaftliche Lebensader. Im Viertel Palmares betreibt Hernando seit Jahren die Caprichoso-Kneipe «Canto da Porrada». Während des Festivals werde daraus ein Treffpunkt für Fans aus ganz Brasilien. «In drei Nächten verdienen wir ungefähr so viel wie sonst in einem halben Jahr», sagt er. 

Der Barbesitzer ist nur einer von Tausenden, die vom Festival leben. Nach Angaben der Stadt entstehen mehr als 30.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze. Die wirtschaftliche Bedeutung wird auf umgerechnet fast 33 Millionen Euro geschätzt. 

«Das Spielzeug unserer Familie wurde zur Seele eines Volkes» 

Für einige bedeutet das Festival weit mehr als Einnahmen. Sidney de Carvalho Simas trägt eine besondere Familiengeschichte in sich. Er ist Urenkel von Lindolfo Monteverde, dem Gründer des Garantido. 

«Als Kind war Garantido für mich etwas ganz Normales», erzählt er. Erst später habe er verstanden, was daraus geworden sei. «Da habe ich begriffen, dass das Spielzeug unserer Familie zur Seele eines ganzen Volkes geworden war.» 

Und wieder schweigt eine Seite 

Als die letzten Trommelschläge verklingen, jubelt diesmal Rot, Blau schweigt. Wenige Stunden später wird in der Stadt schon wieder darüber diskutiert, welcher Boi die bessere Vorstellung gezeigt hat. Denn der Wettbewerb dauert zwar nur drei Nächte. Die Rivalität prägt Parintins aber das ganze Jahr. Und niemand kommt an der Frage vorbei: Rot oder Blau?

Quelle: dpa

 

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