Israel und die USA haben am frühen Morgen koordinierte Luft- und Raketenangriffe gegen Ziele im Iran gestartet. Teheran meldete als Reaktion Angriffe auf Ziele in Israel sowie auf mehrere US-Militärstützpunkte in der Golfregion. Israel nennt seine Operation «Brüllen des Löwen», die USA sprechen vom «Einsatz gewaltiger Zorn». Anbei ein Überblick:
Anders als beim zwölf Tage langen Krieg im vergangenen Juni begannen die Angriffe am Morgen und nicht in der Nacht. Außerdem koordinierten Israel und die USA ihre Angriffe.
Explosionen wurden außer in der Millionenmetropole Teheran unter anderem aus Ghom, Lorestan, Kermanschah, Karadsch und Tabris gemeldet. Auch nahe der Kulturmetropole Isfahan gab es Explosionen – dort befindet sich ein zentrales Nuklearzentrum, das bereits im vergangenen Jahr Ziel von US-Bombardierungen war. Getroffen wurden Berichten zufolge Raketendepots, Luftverteidigungsanlagen und Ziele nahe Regierungsgebäuden.
Die iranischen Streitkräfte attackierten nach eigenen Angaben als Reaktion Ziele in Israel sowie vier US-Militärstützpunkte in der Region. Darunter waren die Stützpunkte Al-Udeid in Katar, Al-Salem in Kuwait, der Luftwaffenstützpunkt Al-Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten und die US-Flotte in Bahrain, wie die Nachrichtenagentur Fars berichtete. Luftalarm gab es Berichten zufolge auch im Irak.
Israels Ministerpräsident Netanjahu begründet die Angriffe auf Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran. Gemeint ist damit Irans Atom- und Raketenprogramm. Es dürfe «nicht zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu bedrohen», sagte Netanjahu weiter.
Die «New York Times» berichtete, Israel lege den Schwerpunkt seiner Angriffe auf Raketenlagerstätten, Produktionsanlagen und Abschussvorrichtungen.
US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und Amerikaner verteidigen – vor einer Bedrohung durch die iranische Führung. Er zielte zudem in einer Videobotschaft auf das iranische Atomprogramm ab: «Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen.» Zudem ermutigte Trump die Iraner zu einem Machtwechsel. «Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen», sagte er. «Das wird wahrscheinlich für Generationen eure einzige Chance sein.» Er fügte hinzu: «Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung.» Er forderte die Revolutionsgarden, Streitkräfte und auch Polizei auf, ihre Waffen niederzulegen.
Iran-Experten sehen die Aussichten auf einen Sturz der iranischen Führung kritisch. Als Gründe führen sie an, dass die iranische Opposition nicht geeint sei und keine Risse in der Elite oder den Revolutionsgarden erkennbar seien.
Die Regierung und auch das Militär äußerten sich bislang nicht zu den Angriffen. Lediglich das Außenministerium und der Sicherheitsrat veröffentlichten Mitteilungen, in denen sie das Vorgehen der USA und Israels verurteilten und die Weltgemeinschaft zum Handeln aufforderten.
Nur wenige Informationen dringen nach außen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre. Die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks berichtete, es sei ein «fast vollständiger Internetausfall».
Ein Video der Nachrichtenagentur Mehr zeigte große Zerstörung mitten in der Hauptstadt Teheran. Auf der Aufnahme war ein völlig zerstörtes Gebäude zu sehen. Mehrere Rettungskräfte waren am Rande der Trümmer zu sehen.
Augenzeugen berichteten per SMS, dass sich in der Millionenmetropole lange Schlangen an Tankstellen gebildet hätten. Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen. Viele Geschäfte waren geschlossen. Im Norden der lebendigen Metropole herrschte gespenstische Stille.
Die Nachrichtenagentur Tasnim berichtete, dass bei einem Raketenangriff im Südiran mindestens 57 Schülerinnen einer Grundschule getötet worden seien. Diese Angabe lässt sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.
Berichte über den Verbleib von Irans oberstem Führer, Ajatollah Ali Chamenei, gab es zunächst nicht. Er hatte sich in den vergangenen Wochen angesichts der militärischen Spannungen selten in der Öffentlichkeit gezeigt. Der Staat dürfte dessen Sicherheit zur obersten Priorität gemacht haben. Wo er sich zuletzt aufhielt, ist nicht bekannt.
Die Verhandlungen in Genf über das iranische Atomprogramm brachten bislang keinen Durchbruch. Die USA zogen in den vergangenen Wochen massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. US-Präsident Trump hatte Teheran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt. Die Angriffe begannen am Morgen des 28. Februar.
Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz schrieb auf X, die Arbeitshypothese, die der Operation zugrunde liege, laute: Das iranische «Regime» sei schwach und brüchig. Daher könne eine gezielte, schlagkräftige und breit angelegte israelisch-amerikanische Kampagne es erheblich untergraben und vielleicht sogar die Voraussetzungen für einen internen Wandel schaffen. Das zentrale Problem sei: Was passiert, wenn diese Annahme falsch ist?
Der Iran warnte seit Wochen vor einem Angriff und drohte mit einer «vernichtenden Antwort». US-Regierungsmitarbeiter sprechen laut US-Fernsehsender CNN von einer Operation, die über Tage oder Wochen andauern könne. Es sei «kein kleiner Schlag».
Es besteht die Gefahr eines «umfassenden Regionalkriegs», vor dem Irans Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei bereits gewarnt hat.
Der Iran-Experte Ali Vaez der Denkfabrik Crisis Group schrieb auf X, Vergeltungsmaßnahmen des Irans würden wahrscheinlich nicht nur direkt, sondern asymmetrisch erfolgen und möglicherweise mehrere Fronten gleichzeitig entfachen. «Wenn die Hisbollah aus dem Libanon heraus voll einsteigt, wenn Milizen US-Stützpunkte im Irak und in Syrien angreifen oder wenn die Huthi im Roten Meer eskalieren, ist dies kein bilateraler Konflikt mehr, sondern ein regionaler Krieg, der sich über den gesamten Nahen Osten ausbreitet.»
Vaez wies auch auf mögliche Folgen für die Weltwirtschaft hin. «Der Iran liegt an der Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung fließt. Selbst eine begrenzte Störung könnte zu einem Anstieg der Energiepreise, einer Beschleunigung der Inflation und einer Verunsicherung der globalen Märkte führen.»
Quelle: dpa