Welt-MS-Tag: „Man sieht es mir nicht an“ – wie Menschen aus der Region mit Multipler Sklerose leben

30. Mai 2026 , 05:16 Uhr

Die Diagnose Multiple Sklerose verändert das Leben. Doch wie stark, das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Zum Welt-MS-Tag heute sprechen Betroffene aus der Region offen über ihren Alltag mit der Krankheit, über Ängste, Vorurteile – aber auch über Hoffnung.

Als Sophia Müller aus Bamberg immer häufiger erschöpft war, ahnte sie zunächst nicht, dass eine chronische Erkrankung dahinterstecken könnte. Die heute 31-Jährige brauchte deutlich mehr Ruhepausen als ihre Freunde und fühlte sich oft kraftlos. Im vergangenen Jahr kamen Schwindel, Kribbeln in Händen und Füßen sowie Sehstörungen hinzu. Nach zahlreichen Arztbesuchen brachte schließlich eine MRT-Untersuchung Klarheit: Multiple Sklerose. Die Diagnose erhielt sie im Dezember 2025.

„Das war erst einmal ein Schock“, erzählt sie im Gespräch mit Radio Bamberg. Besonders schwer sei für sie zunächst die Vorstellung gewesen, dauerhaft Medikamente einnehmen zu müssen. Inzwischen habe sie gelernt, bewusster auf ihren Körper zu hören und achtsamer mit ihren Kräften umzugehen.

Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Genau das macht Multiple Sklerose so schwer greifbar. Die chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung greift das zentrale Nervensystem an und kann ganz unterschiedliche Beschwerden auslösen. Deshalb wird sie auch als „Krankheit mit den tausend Gesichtern“ bezeichnet.

„Je nachdem, welche Bereiche im Gehirn oder Rückenmark betroffen sind, entstehen völlig unterschiedliche Symptome“, erklärt Dr. Mario Giraldo, Oberarzt der Neurologie am Klinikum Bamberg. Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Gleichgewichtsprobleme oder Lähmungserscheinungen gehören zu den möglichen Folgen. Viele Betroffene leiden außerdem unter sogenannter Fatigue – einer extremen Erschöpfung, die mit normaler Müdigkeit kaum vergleichbar ist.

„Der Körper fühlt sich einfach schwer an. Man hat keine Energie mehr und braucht manchmal mehrere Stunden komplette Ruhe“, beschreibt Sophia Müller diese oft unsichtbare Belastung.

Neun Jahre bis zur richtigen Diagnose

Wie unterschiedlich MS verlaufen kann, zeigt auch die Geschichte von Martin Hornung aus Oberaurach in den Haßbergen. Bereits 2009 gab es bei ihm erste Hinweise auf eine mögliche Erkrankung. Nach umfangreichen Untersuchungen wurde eine MS damals jedoch ausgeschlossen. Die Folge: Jahre voller Unsicherheit.

„Ich konnte immer schlechter laufen, aber niemand wusste warum“, erinnert sich der 48-Jährige. Erst 2018 erhielt er schließlich die richtige Diagnose. Zu diesem Zeitpunkt waren die Einschränkungen bereits erheblich. Elf Monate lang konnte er nicht arbeiten, absolvierte eine Reha und musste seinen Alltag komplett neu organisieren.

Heute arbeitet er wieder in Teilzeit. Sein Leben habe sich verändert, sagt Hornung. Aufgeben sei für ihn dennoch nie eine Option gewesen. „Man wird dankbarer für die Dinge, die man noch machen kann“, sagt er.

Vorurteile halten sich hartnäckig

Sowohl Sophia Müller als auch Martin Hornung berichten von einem Problem, das viele Menschen mit MS kennen: Außenstehende sehen die Krankheit oft nicht. „Du siehst doch gut aus, du hast doch nichts“, höre sie häufig, erzählt Müller. Auch Hornung erlebt immer wieder Unverständnis. Besonders dann, wenn seine Gehprobleme oder die Erschöpfung nicht sofort als Folge einer Erkrankung erkannt werden.

Dabei landen längst nicht alle Menschen mit MS im Rollstuhl. Genau dieses Bild hält sich nach Beobachtung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) jedoch besonders hartnäckig. „Das häufigste Missverständnis ist, dass automatisch jeder Betroffene irgendwann im Rollstuhl sitzt. Das entspricht heute einfach nicht mehr der Realität“, sagt Beatrice Pflanz von der DMSG-Beratungsstelle Oberfranken.

Forschung macht Hoffnung

Tatsächlich hat sich die Behandlung der Erkrankung in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während es früher nur wenige Therapiemöglichkeiten gab, stehen heute zahlreiche Medikamente zur Verfügung. „Bei vielen schubförmigen Verläufen können wir die Krankheitsaktivität inzwischen sehr gut kontrollieren“, erklärt Dr. Giraldo.

Entscheidend sei dabei vor allem die frühe Diagnose. Moderne MRT-Technik und verbesserte Untersuchungsverfahren ermöglichen es heute, die Krankheit deutlich früher zu erkennen als noch vor einigen Jahren. Auch die Forschung entwickelt sich weiter. Neue Medikamente sollen künftig insbesondere bei fortschreitenden Verlaufsformen bessere Behandlungsmöglichkeiten schaffen.

Hilfe vor Ort

In Oberfranken unterstützt die DMSG Betroffene und Angehörige mit Beratungsangeboten, Veranstaltungen und Selbsthilfegruppen. Allein in Oberfranken gibt es derzeit 22 Selbsthilfegruppen.

Gerade nach einer Diagnose seien viele Menschen zunächst verunsichert, berichtet Beatrice Pflanz. „Die meisten fragen sich: Wie geht mein Leben jetzt weiter?“ Der Austausch mit anderen Betroffenen könne dabei helfen, Ängste abzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln.

„Keine Panik“

Was würden die Gesprächspartner Menschen raten, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben? Die Antworten fallen unterschiedlich aus – und klingen doch ähnlich.

„Keine Panik. Die Medizin ist heute sehr weit und es gibt viele Möglichkeiten“, sagt Sophia Müller.

„Das Leben geht weiter – aber es wird anders“, ergänzt Martin Hornung.

Und auch Neurologe Dr. Giraldo macht Betroffenen Mut: „MS ist heute in vielen Fällen gut behandelbar. Niemand sollte allein wegen dieser Diagnose die Hoffnung verlieren.“

Zum Welt-MS-Tag möchte Radio Bamberg dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Verständnis zu schaffen. Denn viele Herausforderungen von Menschen mit MS sind unsichtbar – aber deshalb nicht weniger real.

 

Hier geht es zum kompletten Radio Bamberg Interview mit der Betroffenen Sophia Müller: https://www.radio-bamberg.de/mediathek/audio/welt-ms-tag-interview-mit-betroffener-sophia-mueller-aus-bamberg/

 

Hier geht es zum kompletten Radio Bamberg Interview mit dem Betroffenem Martin Hornung: https://www.radio-bamberg.de/mediathek/audio/welt-ms-tag-interview-mit-betroffenem-martin-hornung/

 

Hier geht es zum kompletten Radio Bamberg Interview mit Beatrice Pflanz von der DMSG Oberfrankenhttps://www.radio-bamberg.de/mediathek/audio/interview-mit-beatrice-pflanz-von-der-dmsg-oberfranken/

 

Hier geht es zum kompletten Radio Bamberg Interview mit Dr. Mario Giraldo vom Klinikum Bamberg: https://www.radio-bamberg.de/mediathek/audio/welt-ms-tag-interview-mit-dr-mario-giraldo-vom-klinikum-bamberg/

 

Hier geht es zur Neurologischen Klinik der Sozialstiftung Bamberg: https://www.sozialstiftung-bamberg.de/klinikum-bamberg/kliniken-und-experten/neurologische-klinik/multiple-sklerose-ms/


Hier geht es zu den Hilfsangeboten der Deutschen Multiple Sklerose Stiftung Oberfranken:
https://www.dmsg-bayern.de/wir-helfen/beratungsstellen/dmsg-oberfranken

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