Plötzlich unterbricht ein Nachbeben die Bergungsarbeiten. Doch kurz darauf setzen kolumbianische Rettungskräfte die Suche nach Überlebenden fort: Nach dem zerstörerischen Erdbeben zählt jede Minute, jede Stunde. Mehrere Menschen konnten lebend aus den Trümmern geborgen werden. Viele weitere werden noch vermisst, teils unter beschädigten oder eingestürzten Häusern. Die Regierung geht nach der Naturkatastrophe bislang von mindestens 181 Toten und mehr als 2.500 Verletzten aus.
Diana Troncoso etwa war fast 30 Stunden lang zwischen den Trümmern eines Gebäudes in der Stadt Cali eingeklemmt, ehe die Feuerwehr die 31-Jährige nach mehrstündigem Einsatz unter Applaus und Freudenrufen der Bevölkerung retten konnte. Heute gehen die Bergungsarbeiten in den entscheidenden dritten Tag: Nach 72 Stunden ist die Möglichkeit, noch Überlebende zu finden, laut Experten extrem gering.
Tausende Menschen werden von ihren Angehörigen gesucht
«Die Vermissten haben für uns derzeit oberste Priorität», sagte Präsident Abelardo de la Espriella am Dienstag bei einem Besuch in der Stadt Pereira. Offiziell gelten 195 Menschen als vermisst. In einer inoffiziellen Datenbank sind jedoch mehr als 4.000 Suchmeldungen eingegangen.
Angehörige warten vor Trümmerhaufen auf Nachrichten von ihren Liebsten und suchen etwa mit Hilfe der Datenbank «Colombia te busca» («Kolumbien sucht Dich») nach ihnen. Leticia, Juan Ramón, James, Luz Elena, Bernardo: Auf der Website finden sich Angaben und Fotos von Menschen, die bislang nicht ausfindig gemacht werden konnten.
Retter und Freiwillige räumen Schutt aus eingestürzten Gebäuden und tragen ihn in Eimern ab. Lastwagen transportieren die Trümmer ab. Bei der Suche in den mehr als 1.100 eingestürzten Wohnhäusern und Gebäuden sind spezialisierte Teams mit Suchhunden im Einsatz, wie die Polizei mitteilte.
Städte wie Pereira, Cali, Manizales, Quibdó und Armenia im Westen des Landes wurden vom Erdbeben der Stärke 7,4 am Montagmorgen (Ortszeit) schwer getroffen. Es war das stärkste Beben in dem südamerikanischen Land seit Jahrzehnten. Seither gab es viele Nachbeben.
«Man möchte einfach nur weinen»
«Pereira – da möchte man einfach nur weinen», sagt eine Bewohnerin der von dem Beben besonders heimgesuchten Provinzhauptstadt. Gegenüber Caracol Radio beschreibt sie, wie sie gerade auf dem Heimweg von einer Yoga-Stunde war, als die Gebäude zu wackeln begannen. Als sie in ihre eigene Wohnung kam, bot sich ihr demnach ein Bild der Verwüstung: «Ich hatte einige Rotweinflaschen, die kaputtgegangen waren. Es sah aus wie Blut. Und die ganzen Scherben. Risse in den Wänden und Unordnung auf dem Boden – als hätte es einen Krieg gegeben».
In Roldanillo, 150 Kilometer nördlich von Cali, beschreibt der Bäcker Hugo Gómez, wie das Beben seinen Betrieb vernichtete: «Innerhalb von Sekunden wurde alles zu Schrott. (…) Ich hatte ein Geschäft und jetzt bleibt nichts». Es sei alles wie in einem Alptraum, von dem man immer noch nicht aufgewacht sei. Roldanillo gleiche einer Geisterstadt, so Gómez: «Trümmer an jeder Ecke».
Flughäfen nehmen den Betrieb wieder auf
Nach einer technischen Überprüfung haben fünf Flughäfen in den betroffenen Regionen ihren Betrieb wieder vollständig oder zumindest teilweise aufgenommen, darunter der Flughafen in Cali, wie die Luftfahrtbehörde mitteilte. Der Betrieb des teilweise beschädigten Airports von Pereira sowie des Flughafens in Cartago blieb dagegen eingeschränkt. Nur offizielle Flüge sowie Hilfsflüge seien dort vorerst zugelassen, hieß es.
Mehrere Länder boten ihre Unterstützung an – auch aus Deutschland und der EU kamen Hilfsangebote. Das US-Außenministerium kündigte die Entsendung eines Krisenhilfeteams an. Dieses werde die Regierung in Bogotá bei wichtigen Einsatzmaßnahmen, der Planung und der Koordinierung der Hilfsmaßnahmen unterstützen.
Laut dem Präsidenten von El Salvador, Nayib Bukele, forderte die kolumbianische Regierung zunächst ausschließlich humanitäre Hilfe in Form von Hilfsgütern an. «Uns wurde mitgeteilt, dass ihre Rettungskräfte, Ärzte und sonstigen Einsatzkräfte bereits im Einsatz sind und sich um die Lage kümmern», schrieb er auf der Plattform X.
Das Auswärtige Amt erklärte, das gesamte Ausmaß der Katastrophe sei noch nicht absehbar und es müsse mit vielen weiteren Todesopfern gerechnet werden. Bislang habe man keine Erkenntnisse zu deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen. Die Botschaft in Bogotá stehe in engem Kontakt mit den kolumbianischen Behörden.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul äußerten ihr Mitgefühl für die Opfer. Die EU stellte nach Angaben einer Sprecherin zunächst 100.000 Euro für die besonders betroffene Region Chocó bereit. Zudem wurde der Erdbeobachtungsdienst Copernicus aktiviert, um das Ausmaß der Schäden zu erfassen.
Quelle: dpa