Tennis in Wimbledon

Verpeilter Teddybär? Struff ohne Angst ins größte Match

06. Juli 2026 , 13:07 Uhr

Vom Außenseiter zum Viertelfinalisten: Jan-Lennard Struff schreibt ein Tennis-Märchen, zählt in Wimbledon nun zu einem elitären Zirkel und möchte jetzt die Sensation gegen Jannik Sinner packen.

Da saß Jan-Lennard Struff nun inmitten seines Wimbledon-Märchens in ungewohnter Rolle und zeigte keine Angst vor dem großen Namen. Der Überraschungs-Viertelfinalist glaubt beim prestigeträchtigsten Tennis-Turnier der Welt fest an seine Chance gegen Ausnahmekönner Jannik Sinner.

«Klar, natürlich traue ich mir zu, dass ich da was schaffen kann, sonst bringt es nichts, da auf den Platz zu gehen», sagte der 36-Jährige, als er im kinoartigen Media Theatre von Wimbledon Platz genommen hatte. Es werde am Dienstag natürlich «eine brutal schwierige», aber auch «spannende» Aufgabe. «Ich kann mit Selbstvertrauen reingehen. Es ist absolut ein Highlight.»

Sein Mut und seine überraschende Erfolgsserie führten den Sauerländer zu einem noch vor wenigen Tagen nicht für möglich gehaltenen Duell um den Einzug ins Wimbledon-Halbfinale. Sein Achtelfinale gegen den zum Schluss verletzten Hubert Hurkacz war beim Stand von 3:6, 6:7 (5:7), 7:6 (7:2), 7:5, 4:2 mit der Aufgabe des Polen vorzeitig zu Ende gegangen.

Sinner mit Respekt vor Struff

Zum ersten Mal steht Struff in einem Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Und es geht gegen keinen Geringeren als gegen den Topfavoriten Sinner, der die Saison bis zu seinem harten Rückschlag bei den French Open dominierte. In Paris schied der Südtiroler nach körperlichen Problemen in der zweiten Runde aus.

Der 24-jährige Italiener begegnet Struff, dem nimmermüden Stehaufmännchen mit dem Kämpferherz, mit «großem Respekt». «Wir haben uns ein paarmal gegenübergestanden. Das letzte Mal war auf Rasen in Halle. Es war ein sehr, sehr enges Match. Mal sehen, was passiert», sagte der Weltranglisten-Erste. Das Viertelfinale von Halle vor zwei Jahren entschied Sinner im dritten Satz erst im Tiebreak für sich. Alle drei bisherigen Duelle fanden 2024 statt, alle gingen an Sinner. Kann Struff im wichtigsten Auftritt seiner Karriere bei den vier größten Turnieren diesmal die Sensation packen? 

Struff nun im elitären Last-8-Club

Wimbledon ist eng verbunden mit den goldenen Erfolgen von Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich. Es war aber auch in der Vergangenheit schon oft ein Ort, an dem deutsche Außenseiter unerwartete Erfolge feierten – etwa die Viertelfinalisten Alex Radulescu (1996), Alexander Popp (2003) und Florian Mayer (2012) oder auch die Sensations-Halbfinalistin Tatjana Maria (2022) und die Überraschungs-Viertelfinalistin Laura Siegemund (2025). 

Diesmal schreibt der Warsteiner Struff sein Tennis-Märchen und steigt mit seinen 36 Jahren in einer komplizierten Saison zum ältesten Tennisspieler der Profi-Ära auf, der erstmals ein Viertelfinale eines Grand Slams erreichte. Auch Struff ist jetzt Mitglied im elitären Last-8-Club von Wimbledon, der allen Viertelfinal-Teilnehmern unter anderem lebenslang Tickets garantiert. Ein Preisgeld von gut 560.000 Euro hat er auch schon verdient.

Struff hat das Herz von Zverev und Co. gewonnen

«Das liebe ich an Struffi, der kann 37-mal in Folge erste Runde verlieren und dann auf einmal spielt er Viertelfinale beim Grand Slam», sagte Alexander Zverev. Liebevoll verglich die deutsche Nummer eins den Tennis-Kollegen mit einem «Teddybären», der keinen Gramm Böses in sich habe.

Im Davis Cup ist Struff seit Jahren eine Konstante, die Teamkollegen gönnen ihm den Erfolg. Doppelspezialist Kevin Krawietz beschreibt ihn als «liebsten Menschen der Welt» und verriet: «Er ist auf seine Art lustig, obwohl er es gar nicht merkt.» Er sei verpeilt – ohne das negativ zu meinen. Das führe oft zu Situationskomik. «Wir haben eine gute Zeit miteinander», entgegnete Struff. «Wenn er sagt, dass ich verpeilt bin – okay, ein bisschen vielleicht manchmal.»

Im Davis Cup ist Struff schon oft über sich hinausgewachsen. Auf der ATP-Tour steckt der Vater zweier Söhne dagegen in der nächsten schwierigen Saison. Umso überraschender kam jetzt seine Siegesserie über vier Matches, bei dem jedes seine eigene Geschichte trug. «Es war Wahnsinn, alles zusammen ist schon echt verrückt», sagte der Turniersieger von München 2024.

Stich: «Story kannst du eigentlich schöner nicht schreiben»

In den ersten beiden Runden stemmte sich der Außenseiter im fünften Satz gegen Rückstände, in Runde drei besiegte er trotz einer verheerenden Bilanz Ex-US-Open-Sieger Daniil Medwedew. Sein Achtelfinale entwickelte sich zu einem anfangs nicht absehbaren Drama.Struff lag 0:2-Sätze hinten, kämpfte sich wieder zurück. Sein Gegner Hurkacz litt unter Schmerzen, ließ sich erst am Rücken behandeln, gab dann wegen Bauchmuskelproblemen auf.

«Er hat viele Höhen und Tiefen in seiner Karriere erlebt, aber immer an sich geglaubt», sagte Ex-Wimbledon-Sieger Michael Stich bei Prime über Struff. «Die ganze Story kannst du eigentlich schöner nicht schreiben», befand Stich angesichts des Turnierverlaufs.

Quelle: dpa

 

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