Kino

Prophet der Freiheit: Filmregisseur Bela Tarr ist tot

06. Januar 2026 , 16:03 Uhr

Tarr war einer der bekanntesten Filmemacher des europäischen Autorenkinos. Seine Themen waren Verfall und Illusionslosigkeit. Seine Triebkraft schöpfte er aus innerer Freiheit.

Der ungarische Filmemacher Bela Tarr ist im Alter von 70 Jahren nach langem und schwerem Leiden gestorben. Das berichtete die ungarische Nachrichtenagentur MTI unter Berufung auf die Familie. Tarr war einer der bekanntesten Regisseure des europäischen Autorenkinos.

Viele seiner Werke entstanden in Zusammenarbeit mit dem Literaturnobelpreisträger Laszlo Krasznahorkai, mit dem ihn eine Seelenverwandtschaft verband. Er wurde mit Filmen wie dem mehr als sieben Stunden langen «Satanstango» von 1994 oder «Die Werckmeisterschen Harmonien» aus dem Jahr 2000 bekannt.

«Die Europäische Filmakademie trauert um einen herausragenden Regisseur und eine Persönlichkeit mit starker politischer Stimme, der nicht nur von seinen Kollegen hoch geschätzt, sondern auch vom Publikum weltweit gefeiert wurde», hieß es in einer Stellungnahme der Akademie.

Unverwechselbarer Stil, minimale Handlung

Tarr wurde 1955 in der südungarischen Stadt Pecs geboren. Als 16-Jähriger unternahm er erste Versuche als Amateurfilmer. Die Budapester Bela-Balazs-Studios wurden auf ihn aufmerksam und finanzierten ihm seinen ersten Film «Familiennest» (1979). Bald entwickelte er seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil mit minutenlangen, sorgsam choreografierten Einstellungen ohne Schnitt, langsamen Kamerabewegungen, minimalistischen Dialogen und einer stark reduzierten Handlung.

Seine Filme wirken oft düster, sie kreisen um moralischen Verfall, Hoffnungslosigkeit und den Zerfall sozialer Ordnungen. «Er erzählte keine Geschichten, sondern schuf sich seine eigene Welt», formulierte es ein ungarischer Filmkritiker. 

Verachtung für Autokratien

Tarrs schonungslose Weltsicht geht aber durchaus mit einer heiteren Gelassenheit einher, die sich aus seiner inneren Freiheit schöpfte. Für Autokratien und Nationalismen hatte er nur Verachtung übrig. Ungarns rechtspopulistischem Ministerpräsidenten Viktor Orban warf er vor, ein «schamloser Zyniker» zu sein, als dieser damit prahlte, dass der ungarische Film auch ohne staatliche Förderung international Erfolg habe.

Als sich Orbans Parteigänger im Jahr 2020 die angesehene Budapester Theater- und Filmuniversität (SZFE) unterwarfen, übernahm Tarr für eine Zeit lang die Präsidentschaft der Gegen-Uni «FreeSZFE». Dort konnten die ausgebooteten Studentinnen und Studenten der SZFE ihre Studien abschließen.

Letzter Film 2011 – bei der Berlinale ausgezeichnet

«Das Turiner Pferd» (2011) war sein letzter Spielfilm. Für ihn gewann er bei der Berlinale den Großen Preis der Jury. Danach erklärte er mehrmals, er habe «alles gesagt», was er mit dem Kino ausdrücken wollte. In seiner letzten Lebensphase widmete sich Tarr vor allem der Filmausbildung und der kulturellen Arbeit. 

Eine zentrale Rolle spielte dabei die «film.factory» in Sarajevo, eine internationale Filmschule, die er 2013 zusammen mit anderen Regisseuren gründete. Als Lehrer wollte er vor allem ethische und philosophische Haltung zum Filmemachen vermitteln.

Im Dezember 2023 erhielt Tarr einen Ehrenpreis im Rahmen der Verleihung der Europäischen Filmpreise in Berlin. Auf der Bühne erzählte er, dass junge Menschen ihn um Rat gefragt hätten. «Ich habe keinen Rat», sagte er. Sie müssten nur ihre eigene Sprache finden, sie selbst sein und sollten sich nicht den Zwängen der Filmindustrie beugen. Das Wichtigste sei jedoch: «Sie müssen frei sein, und alle von uns müssen frei sein.»

Quelle: dpa

 

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