Tradition im Englischen Garten

Tausende tanzen im Regen – Kocherlball soll Kulturerbe sein

19. Juli 2026 , 14:16 Uhr

Vom verbotenen Fest zum Kulturerbe-Kandidaten: Warum der Kocherlball schon frühmorgens so viele Besucher in den Englischen Garten lockt – und was der Biergartenverein jetzt damit plant.

Die Regenwolken schreckten die Besucher nicht: Rund 12.000 Frühaufsteher tanzten beim Kocherlball am Chinesischen Turm im Münchner Englischen Garten in den Morgen. Selbst bei den gelegentlichen Schauern lichtete sich das dichte Treiben auf der Tanzfläche nicht.

Katharina Mayer und Magnus Kaindl gaben als Tanzmeister von der Bühne aus ab 06.00 Uhr den Takt vor und zeigten für die weniger Geübten die Schritte traditioneller Tänze vom Landler über Polka bis zum Zwiefachen. Das frühmorgendliche Fest hat seit Jahren Kultstatus. Ein Verein will die Veranstaltung jetzt sogar zum immateriellen Kulturerbe machen.

Wegen «Unsittlichkeit» verboten

Die Ursprünge des Kocherlballs reichen weit über 100 Jahre zurück. Ende des 19. Jahrhunderts trafen sich bei schönem Wetter an Sonntagen die Kocherl, die weiblichen Küchenangestellten, mit Hausdienern, Trambahnfahrern und teils Soldaten im Englischen Garten zum Tanzen und Feiern. Das ging nur frühmorgens – denn sie mussten zurück sein an ihrer Arbeitsstelle, wenn ihre Herrschaften aus der Kirche kamen.

Im Jahr 1904 wurde der Kocherlball von den Obrigkeiten wegen «Unsittlichkeit» verboten. Erst zur 200-Jahr-Feier des Englischen Gartens 1989 wurde die Tradition neu belebt. Seither ist die Gastronomen-Familie Haberl Gastgeberin des Balls. 

Anfangs kamen ein paar Hundert Gäste, inzwischen ist der Ball am dritten Sonntag im Juli ein Publikumsmagnet. Neben Stadträten und Wirten feierte dieses Mal etwa die Kabarettistin Luise Kinseher mit. Die meisten Gäste kommen in Tracht, teils sieht man aber auch historische Gewänder, wie sie die Hausangestellten früher trugen. 

Schon in der Nacht Plätze reserviert

Die Ersten seien mitten in der Nacht bei Dunkelheit dagewesen, um die besten Plätze zu ergattern, berichtete Juniorwirt Luis Haberl. Fast hätten sich die letzten Besucher des Biergartens, die nach der Schließung noch sitzen geblieben waren, und diejenigen, die gegen 02.00 Uhr kamen, die Klinke in die Hand gegeben.

Die Gäste strömten mit Brotzeitkörben und Kerzen heran, gegen 04.00 Uhr seien viele Tische schon besetzt gewesen. Eine Sorge gilt alljährlich dem Wetter – doch Haberl ist zufrieden: «Es ist schön, dass die Leute trotz des Regens dageblieben sind.» 

Kulturerbe? Vereinspräsidentin sieht Voraussetzungen erfüllt

Seine lange Tradition und große Beliebtheit machen den Kocherlball aus Sicht des Vereins zur Erhaltung der Biergartentradition zu einem Kandidaten für das immaterielle Kulturerben. Der Beschluss für die Bewerbung sei bereits gefasst, sagt die Präsidentin des Vereins, Ursula Seeböck-Forster, der «Süddeutschen Zeitung». 

Die Voraussetzungen dafür seien erfüllt. Dazu zählten historische Wurzeln, Lebendigkeit, Kontinuität, Wandlungsfähigkeit und Inklusivität. Die nächste Chance auf eine Benennung gebe es dann 2029.

Quelle: dpa

 

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