Deutscher Silber-Glanz inmitten des großen Dramas: Ski-Juwel Emma Aicher raste in der Abfahrt von Cortina d’Ampezzo zur ersten deutschen Medaille bei den diesjährigen Winterspielen, für die einstige Speed-Queen Lindsey Vonn endete ein famoses Comeback statt auf dem Podest an einem Seil am Rettungshubschrauber. Silber für Aicher, schmerzhaftes Aus für Vonn. Gold ging an eine andere Amerikanerin: Weltmeisterin Breezy Johnson.
«Richtig geil» fühle sich das an, sagte Aicher über die erste Olympia-Einzelmedaille für das deutsche Alpin-Team seit zwölf Jahren. Eigentlich sei sie nie nervös, erklärte die 22-Jährige. Diesmal sei es im Ziel «brutal» gewesen. «Ich ging mir selber schon auf den Sack, weil ich nervös war.» Sie werde ihren Coup wohl eine ganze Weile noch nicht begreifen, sagte Aicher. Genau wie alle anderen auf und an der berühmten Piste Olimpia delle Tofane hielt aber auch das deutsche Ski-Supertalent zwischenzeitlich vor Schreck den Atem an.
Der schwere Sturz von US-Star Vonn überschattete den strahlend sonnigen Olympia-Tag im malerischen Ambiente der Dolomiten. Schon im Anfangsteil der Strecke war die 41-Jährige nach einem Fahrfehler zu Fall gekommen. Sie blieb vor Schmerzen schreiend liegen, wurde lange behandelt und schließlich per Helikopter geborgen. Es war das maximal tragische Ende einer herausragenden Karriere, ein Schock für die Ski-Welt. Die Aicher nun etwa im Sturm erobert?
Eine «wahnsinnig tolle Leistung» sei das von Aicher gewesen, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bunds (DOSB), Thomas Weikert. «Emma ist schon jetzt ein echter Star auf der olympischen Bühne.» Eine «coole Henne» sei seine junge Allrounderin, meinte Frauen-Bundestrainer Andreas Puelacher. «So cool! Wie sie das gemacht und geliefert hat an so einem Tag, das ist echt bemerkenswert», sagte Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann, die fünf Jahre nach WM-Silber in Cortina d’Ampezzo diesmal nur Neunte wurde.
Um die Winzigkeit von gerade mal 0,04 Sekunden musste sich Aicher der Goldmedaillengewinnerin Johnson geschlagen geben. «Wild» sei sie mitunter gefahren, analysierte die Deutsche. «Über jeden Sprung hat es mich aufgerissen.» An einem blieben wohl die entscheidenden Hundertstel liegen.
Aicher gilt schon seit mehreren Jahren als die größte Zukunftshoffnung im deutschen Alpin-Team. Und jetzt natürlich erst recht. Schon bei den Spielen in Norditalien hat sie noch weitere Chancen, für schwarz-rot-goldenen Jubel zu sorgen: in der Team-Kombination, im Super-G und im Slalom. Aicher, die Alleskönnerin. Erlebt sie in den Dolomiten den endgültigen Durchbruch?
Bei der WM 2021 war sie – ebenfalls in Cortina d’Ampezzo – ohne jegliche Weltcup-Erfahrung erstmals auf der großen Ski-Bühne aufgetaucht und hatte prompt zu Bronze im Teamwettbewerb beigetragen. Seitdem entwickelte sich die Tochter einer Schwedin und eines Deutschen kontinuierlich weiter.
2022 holte sie bereits eine Olympia-Medaille: Silber mit der Mannschaft. Im vergangenen März folgten die ersten beiden Weltcup-Siege, in der laufenden Saison schon zwei weitere. Aichers Vielseitigkeit ist eine Seltenheit in der heutigen Zeit, ihr skifahrerisches Gefühl außergewöhnlich. Laut Trainer Puelacher vergleichbar mit dem von Vonn – einer der Größten der Geschichte.
Alles schien angerichtet für das krönende Karriereende der viermaligen Gesamtweltcupgewinnerin und Olympiasiegerin von 2010. Die Zuschauer jubelten enthusiastisch, als sich Vonn aus dem Starthaus wuchtete. Doch genauso schlagartig wurde es still, als die Fahrt der 84-maligen Weltcup-Siegerin schon nach rund 13 Sekunden endete.
Vonn hakte bei einem Sprung mit dem Arm an einem Tor ein und verlor in der Luft die Kontrolle. Sie schlug heftig auf der Piste auf, ihre Knie schienen sich dabei zu verdrehen. Ihr norwegischer Trainer Aksel Lund Svindal und die auf dem Stuhl der Führenden sitzende Johnson schlugen die Hände vor dem Gesicht zusammen. Teile der Zuschauer, darunter Vonns Vater und ihre Schwester sowie der amerikanische Rap-Star Snoop Dogg, waren entsetzt.
Vonn, die im Dezember 2024 ihr viel beachtetes und nicht weniger diskutiertes Comeback gegeben hat, fährt inzwischen mit einer Teilprothese im rechten Knie. Das linke, in dem sie nach eigenen Angaben vor gut einer Woche unter anderem einen Kreuzbandriss erlitten hat, wurde zudem von einer Schiene gestützt. Hat die so verletzungsgeplagte, aber eben auch so kämpferische und entschlossene Dominatorin früherer Tage doch zu viel Risiko genommen?
«Das war die Angst, die ich hatte, dass sie für dieses eine Rennen so versucht, übers Limit drüber zu gehen», sagte Ex-Skistar Felix Neureuther in der ARD. «Wenn du so schwer verletzt warst und auch ohne Kreuzband fährst, musst du auch mental über dich hinauswachsen, dass du eine Chance hast.»
Das Ganze sei «tragisch», sagte Ski-Weltverbands-Präsident Johan Eliasch. Vonn hatte es noch mal allen zeigen wollen – besonders ihren Kritikern. Doch der Gold-Traum platzte auf brutale Art und Weise. Sie habe gleich weggeschaut, meinte Aicher. Der neue deutsche Star in der Ski-Welt.
Quelle: dpa