Julian Nagelsmann ist weg. Zumindest von der Bildfläche. Während Jürgen Klopp in den USA seine WM-Freude als TV-Experte auslebt, von Englands Fußball-König Harry Kane schwärmt und dessen Nationalcoach Thomas Tuchel als echten Charakter lobt, ist der Bundestrainer sprichwörtlich schon außer Dienst. Es wird nur noch über Nagelsmann geredet. Und die Frage scheint nicht mehr, ob er seinen Job verliert, sondern wann.
Eine Armada an Ex-Nationalspielern fällt über Nagelsmann und den bedauernswerten Zustand der von ihm verantworteten Nationalmannschaft mit Fallbeil-Urteilen her. Da klingt ganz sachte noch die Stimme von Rudi Völler nach, seinem vielleicht letzten oder mittlerweile auch einstmals letztem Unterstützer.
«Es wurde immer geschrieben, ich würde versuchen, ihn in Schutz zu nehmen oder als Bodyguard auftreten. Das braucht er gar nicht. Das ist ein absoluter Toptrainer», sagte der DFB-Sportdirektor an jenem Abend in Foxborough, als das System Nagelsmann beim 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay final kollabierte.
Völlers Nachsatz ist jetzt, mit gut 100 Stunden Abstand, ein zentraler Faktor der Aufarbeitung. «Ich bin überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, um weiterzumachen.» Wahrscheinlich. Also nicht ganz sicher. Wenn sogar der Ober-Mentor zweifelt, dann könnte es schwierig werden mit Nagelsmanns DFB-Zukunft.
Der Nagelsmann gegenüber ultrakritisch eingestellte Medien-Boulevard geht schon vor den von DFB-Präsident Bernd Neuendorf angekündigten Gesprächen ganz fest von einer Blitzlösung, sprich Blitztrennung, aus. Und schiebt Klopp mit großen Überschriften mächtig an ins höchste deutsche Fußballamt.
Doch es ist nicht verbrieft, dass sich die Fans des deutschen Teams nach dem nächsten frustrierenden Turnier nicht wieder auf eine Sommer-Hängepartie einstellen müssen. Wie anno 2018, als Joachim Löw erst im Cabrio durch den Schwarzwald brauste, um seinen russischen WM-Schmerz zu verarbeiten.
Völler, der als DFB-Sportdirektor auch mitredet, wenn es um die Frage «Weiter so oder kompletter Neuanfang?» geht, schob sicherheitshalber nach: «Aber ich bin nicht der DFB alleine. Ich habe das nicht alleine zu entscheiden.»
Einer, der ganz viel entscheidet, ist Neuendorf. Und der hätte jeden Grund, auf Nagelsmann sauer zu sein. Als Mitglied des FIFA-Councils um Gianni Infantino könnte er jetzt auch noch in den USA sein und jeden Tag in einer anderen Stadt auf einem der riesigen Polstersessel auf der VIP-Tribüne sitzen und wirklich guten Fußball von Norwegens Fußball-Ruderern um Erling Haaland oder Argentiniens Lionel Messi auf dem Weg zu neuen Torrekorden sehen.
Stattdessen musste er zurück nach Deutschland. Als schon wieder sportlich ramponierter Präsident. Und niemand außer den beim DFB eingeweihten Personen weiß so ganz genau, wo er ist. Zu Hause im Rheinland. Oder in Frankfurt in der DFB-Zentrale. In München, so wurde aus Verbandsquellen versichert, sei er nicht. Dort könnte jenes Gespräch mit Nagelsmann gut stattfinden, das Neuendorf vor seinem 65. Geburtstag am Montag noch angekündigt hatte.
Wobei festzuhalten ist, dass aus seinem Video- und Pressestatement vom Dienstag noch im Quartier-Ort Winston-Salem nicht zu 100 Prozent hervorgeht, dass der Noch-Bundestrainer bei der Turnieranalyse überhaupt dabei sein darf. Man werde «gemeinsam und in Ruhe» in die Ursachenforschung für den dritten blamablen WM-K.o. in Serie gehen.
Gemeinsam mit Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig? Oder gemeinsam mit dem Führungsduo und Nagelsmann? 2022 nach dem WM-Debakel in Katar nannte Neuendorf in seinem Live-Statement am Flughafen in Doha Hansi Flick namentlich als Teilnehmer der Aufarbeitungsrunde. Diesmal fiel der Name Nagelsmann in der Passage nicht.
Der Bundestrainer hatte vorsorglich versichert, dass er bereit sei für einen Austausch guter Gründe. «Die Argumente liefere ich den Bossen. Jeder weiß, wie ich als Trainer ticke», sagte er in dem für ihn nach Niederlagen so typischen Duktus, den ihm die Kritiker als dünnhäutig und schnell beleidigt auslegen.
Kommt es überhaupt noch zu diesem Austausch? Angeblich geht es im Trennungspoker nur noch um eine dann sicherlich siebenstellige Gehaltsentschädigung bei noch zwei Jahren Vertragslaufzeit.
Wie unfair ist da der Vergleich mit Klopp, der als TV-Sunnyboy Fan-Herzen gewinnt. Ohne Verantwortung, aber mit sehr viel verbaler Finesse und hohem Fußball-Sachverstand. Aus seinem Umfeld klingt lärmendes Schweigen. Wie ein Signal, dass schon die notwendigen Drähte gelegt werden. Eine berechtigte Frage ist auch, welche Rolle diesmal Hans-Joachim Watzke spielt, der mächtige Chef der Deutschen Fußball Liga und DFB-Vizepräsident. Er ist aus Dortmunder Tagen mit Klopp bestens vertraut.
Drähte legen muss auch Neuendorf. Der DFB ist unverändert ein schwieriges Konstrukt, in dem Hierarchien eingehalten werden müssen und das föderale System auch Funktionären aus den Regionen ein Mitspracherecht einräumt.
Schon hört man aus Landesverbänden, dass man doch bitteschön zumindest nach einer Meinung gefragt werden möchte, wie der deutsche Fußball jetzt zu retten ist. Der Klopp-Deal könnte sehr teuer werden. Und nicht jeder mag die Alphatier-Art des 59-Jährigen, der ja auch noch bei Red Bull als Global Head of Soccer losgeeist werden muss.
Berlins Verbandschef Bernd Schultz sagte: «Ich wünsche mir, dass eine breite Diskussion geführt wird.» Es könne nicht nur um die Nationalmannschaft gehen. Die Stars der Zukunft werden in der Fläche entwickelt. Auch da liegt viel im Argen. Auch Völler müsse sich erklären, meinte Schultz.
Der Sportdirektor, der im Gegensatz zu Nagelsmann hohe Sympathiewerte konserviert, könnte – wenn Klopp kommt – überflüssig sein. Andererseits hat der ewige Rudi noch einen Vertrag bis zur EM 2028. Ausdrücklich wurde er vor gut drei Jahren auch inthronisiert, damit man einen Notnagel hat, sollte kein Bundestrainer zur Verfügung stehen.
Quelle: dpa