In den kommenden drei Wochen dürften die BVB-Fans so gut schlafen wie schon lange nicht mehr. Durch das hart erkämpfte 1:0 in Stuttgart steht Borussia Dortmund nach 1.212 Tagen Abstinenz endlich wieder an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga. «Hört sich gut an. Das nimmt man erst mal mit», sagte Siegtorschütze Maximilian Beier bei Sky. «Wir genießen jetzt den Moment, wir haben uns das erarbeitet», ergänzte der zweikampfstarke Abwehrmann Waldemar Anton.
Allzu überschwänglich fiel der Jubel aber nicht aus. Vielleicht auch, weil nach vier Spieltagen selten ein deutscher Meister vom Himmel gefallen ist. «Wir sollten jetzt nicht schon so ganz auf den Mai gucken», empfahl Sportdirektor Nils-Ole Book. «Ich kenne da zumindest eine Mannschaft in Deutschland, die auch gewisse Ansprüche auf den Titel hat», ergänzte er mit Blick auf die Bayern, die zwei Punkte hinter dem BVB liegen.
Sport-Geschäftsführer Lars Ricken äußerte sich etwas offensiver. «Wir wollen herausfordernd sein, auch für die anderen, auch die, die uns herausfordern. Stuttgart ist ja auch so eine Mannschaft, die sind jetzt neun Punkte hinter uns. Für die Bayern wollen wir natürlich auch herausfordernd sein», sagte der 50-Jährige, der eine Vorlage des bayerischen Ministerpräsidenten schmunzelnd aufnahm: «Ich glaube, Söder hat schon gesagt, die sollen mal zusehen, dass sie jetzt schnell auch mal wieder vor Dortmund sind.»
Das Hochgefühl, das die Borussen mit in die Länderspielpause nehmen, verdanken sie dem besten Saisonstart seit elf Jahren, als es letztmals vier Siege aus den ersten vier Spielen gab. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus meinte prompt: «Dass sie solche Spiele wie heute in Stuttgart gewinnen können, macht die Mannschaft gefährlich für die Bayern.»
Der BVB zeigte in Stuttgart kein spektakuläres Spiel, aber ein reifes, vor allem in der Defensive, die ja bekanntlich Titel gewinnt, wie es in der Fußballsprache gern heißt. «Ich glaube, wir haben den Stresstest bestanden», sagte Ricken und zog einen Vergleich zum vorherigen BVB-Auftritt in Stuttgart Anfang April: «Letzte Saison saßen wir hier in der Kabine, hatten 2:0 gewonnen und wussten gar nicht so richtig warum. Ich glaube, heute wissen wir schon warum.»
Er habe eine Mannschaft gesehen, «die sich gewehrt hat», lobte Ricken. Der BVB habe mutig nach vorn verteidigt und auch versucht, spielerisch dominant zu sein. Ricken hob «eine gewisse Widerstandsfähigkeit» hervor, die vor allem Ex-VfB-Spieler Anton bewies, vom Stuttgarter Anhang bei jeder Ballberührung ausgepfiffen. «Es ist ein bisschen Tradition mittlerweile schon geworden, deswegen ist es völlig in Ordnung», sagte der zweikampfstarke Abwehrspieler zu dem leidigen Thema. «Ich ziehe daraus Energie.»
Die aus BVB-Sicht richtige Reaktion gab auch Wirbelwind Beier, spätestens mit seinem Tor in der 70. Minute auf Vorlage von Jobe Bellingham. Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp hatte den 23 Jahre alten Offensivspieler nicht in seinen XXL-Kader berufen. «Ein bisschen geknickt» sei Beier deshalb gewesen, verriet Ricken. «Das Leben schreibt die schönsten Geschichten», sagte BVB-Trainer Niko Kovac: «Er hat sich heute mit diesem Tor belohnt. Jetzt kann er ein paar Tage freimachen und auch ins Home Office gehen.»
Quelle: dpa