Auf ihre alten Tage sind Deep Purple produktiver als viele ihrer Zeitgenossen. Ihr neues Studioalbum «Splat!» ist bereits das fünfte in neun Jahren. «Wir machen inzwischen wirklich gern Alben», erzählt Schlagzeuger Ian Paice (78) im Interview der Deutschen Presse-Agentur in London. «Die Zusammenarbeit mit Bob hat der Band eine große Last abgenommen, weil wir nicht mehr versuchen müssen, alles selbst zu machen.»
Gemeint ist Produzentenlegende Bob Ezrin. Mit dem 77-jährigen Kanadier, der Klassiker von Kiss, Alice Cooper und Pink Floyd produziert hat, arbeiten Deep Purple seit 2013 zusammen. Ezrin hat dabei sein unverändert gutes Gespür bewiesen. Das gilt auch für «Splat!».
Auf «Splat!» legt die britische Band einen Turbostart hin. Die furiose Hardrock-Nummer «Arrogant Boy» eröffnet das Album explosionsartig. «Es gibt keinerlei Vorwarnung», sagt Paice zufrieden. «Bang! Es geht sofort los.» Unglaubliche 55 Jahre nach dem Kracher «Highway Star» legen Deep Purple mit ähnlicher Wucht los.
Der Song handelt laut Frontmann Ian Gillan (80) vom Populismus. «Zurzeit gibt es sehr viel aggressive Politik», erklärt der Sänger. «Ich mag weder linke noch rechte Politik, weil ich beides als einen Stillstand empfinde. Das Pendel schwingt ständig zwischen links und rechts hin und her, Regierungen kommen und gehen, aber grundsätzlich verändert sich wenig.»
In Vorbereitung auf das Album schrieb Cheflyriker Gillan im vergangenen Sommer Geschichten als Vorlagen für die Texte. «Natürlich kann man unmöglich alles in einen einzigen Song packen. Ich hätte also gut und gerne 20 verschiedene Songs mit dem Titel „Jessica’s Bra“ schreiben können, jeweils mit anderen Ereignissen und anderen Texten.»
«Jessica’s Bra» handelt tatsächlich von Jessicas Bar, nicht von ihrem BH. «Weil du fragst: Das ist ein Tippfehler auf einem Schild über der Bar», singt Gillan in dem Song, in dem er sich über das mokiert, was er als «Kontrollgesellschaft» empfindet. «Wir leben heute in einer Welt voller Regeln und Vorschriften. Man darf nichts mehr falsch machen. Alle sind schon verdächtig, bevor überhaupt was passiert.»
Mit viel Humor und Sarkasmus kommentiert der eloquente Frontmann die Gegenwart und wettert gegen das, was ihm heutzutage missfällt. Besonders unterhaltsam wird es, wenn sich der 80-Jährige in «Scriblin‘ Gib’rish» über nervige Auswirkungen des digitalen Wandels echauffiert – etwa über Sicherheitsabfragen im Internet («Bestätigen Sie, dass Sie ein Mensch sind»).
«Es ist einfach Frustration. Ich trage selbst eine Mitschuld daran, weil ich mit der technischen Entwicklung nicht Schritt gehalten habe», gibt er zu. «Ich bin nicht mehr so schnell und fit wie früher. Trotzdem empfinde ich viele dieser Abläufe einfach als reine Zeitverschwendung.»
«Splat!» erfreut mit einer kräftigen Produktion im unverkennbaren Purple-Stil. Neben der Hammond-Orgel von Tastenguru Don Airey (78) fallen besonders die originellen Gitarren-Spielereien von Simon McBride auf. Für den 47-Jährigen ist es das zweite Album mit der britischen Kultband, deren Sound er nun maßgeblich prägt. «Simon hat einen ganz eigenen Stil und ein hervorragendes Gespür für den Aufbau eines Songs», schwärmt Gillan.
Tatsächlich scheint der Gitarrist, der 2022 permanentes Mitglied wurde, Deep Purple einen Energieschub verpasst zu haben. «Seit Simon zur Band gekommen ist, bin ich eigentlich die ganze Zeit begeistert», sagt Gillan. «Alles läuft ganz natürlich und mühelos. Das Songwriting fällt uns leicht, die Bühnenshows entwickeln sich wie von selbst, und die Fans lieben es. Und deshalb läuft insgesamt alles sehr gut.»
Das bestätigt auch Ian Paice, der als einziges verbleibendes Gründungsmitglied auf jeder Deep-Purple-Aufnahme und bei jedem Konzert gespielt hat. «Wenn sich ein Album leicht aufnehmen lässt, dann ist es meistens auch ein gutes Album. Denn dann versucht man nicht verzweifelt, etwas zu finden, was gar nicht vorhanden ist.»
Der Albumtitel beschreibt übrigens das Geräusch eines Insekts, das auf eine Windschutzscheibe prallt. Anfangs fand Gillan das zu hoffnungslos. «Es klang wie ein endgültiges Ende. Sobald man das Wort hört, denkt jeder: „Das ist das letzte Deep-Purple-Album.“» Doch danach sieht es derzeit nicht aus.
Er habe dann an Stephen Hawkings Buch «Eine kurze Geschichte der Zeit» gedacht. «Hawking schrieb, vor dem Urknall habe es nichts gegeben. Ich dachte dagegen: Vielleicht gab es nicht nichts, sondern einfach etwas anderes», sagt Gillan. «Plötzlich war da wieder Licht, Hoffnung und eine neue Herausforderung.»
Die Begeisterung der Bandmitglieder über ihr eigenes Album ist berechtigt. Auf «Splat!» präsentieren sich Deep Purple immer noch in bestechender Form. Trotz eines Durchschnittsalters von knapp 73 Jahren klingen die britischen Hardrock-Urgesteine frisch und voller Energie.
Bis Ende des Jahres sind Gillan, Paice und Co. wieder auf Welttournee. Am 19. Juli spielen sie beim Tollwood Festival in München. Im Herbst kommen Deep Purple für sechs weitere Konzerte nach Deutschland.
Quelle: dpa