Neu im Kino

Intimer Abend unter Nachbarn - Fremdschämen mit «The Invite»

29. Juli 2026 , 07:16 Uhr

Zwei Paare und jede Menge unbequeme Wahrheiten - Olivia Wilde inszeniert mit «The Invite» eine ebenso bissige wie menschliche Beziehungskomödie voller Witz und unterhaltsamer Fremdscham.

Für Olivia Wilde läuft es derzeit bestens. Die Regisseurin («Don’t Worry Darling») und Schauspielerin («Tron: Legacy») ist im neuen Film des Kultregisseurs Gregg Araki, «I Want Your Sex», zu sehen, der beim Sundance Festival viel Aufmerksamkeit erhielt. Nun startet Wildes dritter Spielfilm als Regisseurin. In «The Invite» spielt sie auch eine der Hauptrollen.
Die pointierte Beziehungskomödie über Liebe, Sex und unerfüllte Sehnsüchte sorgte international für begeisterte Kritiken.

«Die besten Geschichten sind diejenigen, in denen man sich selbst wiedererkennt», sagt Darsteller Edward Norton im Interview der Deutschen Presse-Agentur in London. «Über einen guten Witz kann man lachen. Aber wenn man sich selbst darin erkennt, ist das eine ganz andere Art von Lachen.»

Ein Abend mit unangenehmen Wahrheiten

Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) stecken in einer Ehekrise. Sie leidet zunehmend unter ihrem festgefahrenen Alltag und kompensiert das durch die Dekoration des geerbten Apartments. Er hadert mit einer gescheiterten Karriere als Musiker und arbeitet inzwischen als Musiklehrer. Im Schlafzimmer tut sich schon lange nichts mehr. Nachts hören sie die Nachbarn aus der Wohnung über ihnen, die offenbar ein wildes Sexleben haben.

Angela lädt die Nachbarn, Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) zu einem Abendessen ein. Sie bewundert die beiden – und besonders Pina. Miesmuffel Joe ist davon überhaupt nicht angetan und will absagen. «Wir können nicht absagen. Wir haben keine Freunde», sagt Angela. Joe will sich lieber über den nächtlichen Lärm beschweren. Den Streit der beiden hören die Gäste peinlicherweise mit, denn sie stehen bereits vor der Tür.

Während Angela die Situation überspielen will, stellt Joe seine Abneigung offen zur Schau. Allerdings bringen die selbstbewussten und unkonventionellen Gäste das angespannte Paar schnell aus dem Gleichgewicht. Bei Wein und Joints entwickelt sich ein unerwartet offenes Gespräch über Beziehungen, Sex und unerfüllte Bedürfnisse. Als Pina und Hawk den eigentlichen Grund für ihren Besuch offenbaren, nimmt der Abend eine überraschende Wendung. Und es folgen weitere.

Zwischen Fremdscham und Faszination

Man fühlt sich eigentlich von Anfang an unwohl angesichts der angespannten, beklemmenden Stimmung. Dann beginnt das Fremdschämen. Aber gleichzeitig ist es faszinierend zu verfolgen, wie die Dinge ihren Lauf nehmen und der Abend schließlich eskaliert. Als Zuschauer wird man zum neugierigen Beobachter – wie ein Nachbar, der im Treppenhaus stehen bleibt, weil hinter der Tür gerade etwas zu Interessantes passiert.

«Ich glaube, viele Menschen erkennen sich besonders in Joe und Angela wieder», sagt Norton. «Sie fühlen mit ihnen, sind gleichzeitig froh, dass ihnen selbst das nicht passiert – und wünschen sich insgeheim vielleicht doch, dass einzelne Aspekte davon Teil ihres eigenen Lebens wären. Genau daraus entsteht dieses besondere Lachen.»

Die temporeichen, pointierten Gespräche sind die große Stärke des Films. Die vier Protagonisten fallen sich immer wieder ins Wort, liefern sich schlagfertige Wortgefechte und konfrontieren sich mit schmerzhaften Wahrheiten. «Die Gespräche sind die Actionszenen», sagt Olivia Wilde im dpa-Interview. «Es geht darum, alles zu tun, um diese Actionszenen hervorzuheben.»

Ein Kammerspiel nach einem Theaterstück

«The Invite» basiert auf dem spanischen Film «Sentimental» (2020), den Regisseur Cesc Gay nach seinem eigenen Theaterstück adaptierte. Die Vorlage diente schon als Grundlage für mehrere internationale Adaptionen, darunter «Die Nachbarn von oben» aus der Schweiz (2023), der tschechische Film «V dobrém i zlém» (2024) und die koreanische Version «Witjip saramdeul (The People Upstairs)» (2025).

Wie im Theaterstück spielt sich die gesamte Handlung über gut 100 Minuten in der Wohnung von Angela und Joe ab. Dank des gelungenen Setdesigns – Angela hat passenderweise ein Faible für Inneneinrichtung, Hawk für Teppiche – und mehrerer Raumwechsel ist der Film auch visuell ansprechend.

Vor allem aber liegt es an der Mimik der Protagonisten. «Unser Kameramann Adam Nubarbera sagte als Erstes zu mir: „Wir verwandeln Gesichter in Landschaften.“», erzählt Wilde. Und Norton ergänzt: «Ein Paar, das ganz offen über sehr intime sexuelle Themen spricht, ist an sich noch nicht witzig. Aber wenn man sieht, wie ihr dabei vor Schreck die Augen riesengroß werden, dann wird es komisch.»

Wilde will mutige Gespräche anregen

Olivia Wilde hofft, dass ihr Film im echten Leben mutige Konversationen anregt, «dass die Menschen anfangen, all ihre unangenehmsten Erlebnisse hervorzuholen – all die Gespräche, die sie sich bisher nicht zu führen getraut haben».

Edward Norton hat einen Tipp für den Kinobesuch: «Ich finde wirklich, dass man diese Art von Film am besten mit einer Gruppe sieht – zu viert oder zu sechst, vielleicht mit ein paar befreundeten Paaren. Und danach schaut man einfach, wohin einen das Gespräch über den Film führt.»

Stoff dafür liefert «The Invite» jedenfalls reichlich. Selten hat Fremdschämen so viel Spaß gemacht. Die alltägliche, vertraute Ausgangssituation, das raffiniert konstruierte Drehbuch und die bestens aufgelegten Schauspieler machen «The Invite» zu einer unterhaltsamen und sehr menschlichen Komödie.

Quelle: dpa

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