Mit Steuerentlastungen von zehn Milliarden Euro, flexibleren Arbeitsverträgen und massivem Abbau von Bürokratie wollen Union und SPD Deutschland aus der Wirtschaftskrise führen. Im Koalitionsausschuss verständigten sich die Spitzen der Regierungsparteien auf ein Reformpaket mit 34 Punkten, das auch die bereits in die Wege geleiteten Reformen in den Bereichen Rente und Gesundheit umfasst. Aufgeschoben wurde die geplante Flexibilisierung der Arbeitszeit, damit wurde ein großer Konfliktpunkt mit den Gewerkschaften aus dem Spiel genommen.
Monatelang hatten die Koalitionspartner in unterschiedlichen Runden an dem großen Reformpaket gearbeitet, das die sozialen Sicherungssysteme stabilisieren und die stagnierende deutsche Wirtschaft wieder in Schwung bringen soll. Am Mittwochabend brauchten sie dann nur noch siebeneinhalb Stunden, um den Deckel drauf zu machen. Die von vielen prognostizierte Verlängerung der Verhandlungen über mehrere Tage blieb aus. Am Morgen spazierten die vier Parteivorsitzenden der drei Koalitionsparteien ziemlich beschwingt in den Garten des Kanzleramts, um ihre Ergebnisse vorzustellen.
«Wir wollen Deutschland wieder flottkriegen. Jetzt ist klar, dass das möglich ist», sagte Kanzler Friedrich Merz (CDU). Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) würdigte den Kompromisswillen auf beiden Seiten und betonte die Verantwortung der Koalition. CSU-Chef Markus Söder räumte ein, dass das Paket zwar nicht der «Big Bang» sei, aber ein weiterer Schritt aus der Krise.
Einige Reformschritte waren bereits vor der Runde im Kanzleramt erfolgt. Das Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung ist schon im parlamentarischen Verfahren. Bei der Rentenreform sind sich Union und SPD einig, dass die Vorschläge einer dafür eingesetzten Kommission mit Politikern und Experten bis Ende des Jahres eins zu eins umgesetzt werden sollen. Das wurde vom Koalitionsausschuss bekräftigt.
Das Reformpaket soll nicht nur die Wirtschaft ankurbeln, sondern auch die angeschlagene Regierungskoalition wieder in die Spur bringen. Es gilt als das wichtigste Projekt von Schwarz-Rot in der laufenden Wahlperiode. Ein erster Einigungsversuch war im April in der Berliner Villa Borsig krachend gescheitert und hatte das Bündnis in eine tiefe Krise gestürzt. Die Umfragewerte der Regierungsparteien gingen weiter in den Keller, die AfD hat die Union inzwischen als stärkste Kraft abgehängt.
Mit dem Reformpaket will die Regierung nun kurz vor den wichtigen Landtagswahlen in Ostdeutschland im September Handlungsfähigkeit zeigen. Aus der Villa Borsig hat sie ihre Lehren gezogen – handwerklich, kommunikativ und sogar kulinarisch.
Unterhändler haben die entscheidende Sitzungsrunde wochenlang vorbereitet, selbst das Catering wurde verbessert, um die Stimmung zu heben: Es gab Cordon bleu, nachdem Söder in der Villa Borsig noch den Pizzaboten rufen musste. Die Ergebnisse werden nun gemeinsam verkauft – ohne dass sich jemand als Gewinner feiert oder als Verlierer schmollt.
Die politische Mitte müsse beweisen: «Wir gestalten unser Land, wir modernisieren unser Land und wir führen unser Land in die Zukunft», betonte Merz. Das wird aber nur funktionieren, wenn das Paket auch von anderen nicht zerredet wird.
Die ersten Reaktionen von Wirtschaft und Gewerkschaften lassen Union und SPD zumindest hoffen, dass das gelingen könnte. «Die Koalition hat mit ihrem Reformpaket einen überfälligen Kurswechsel vorgenommen», sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger in Berlin. Es werden aus den Reihen der Arbeitgeber aber auch Zweifel laut, ob das Paket tatsächlich Wachstum generieren kann.
Die erste Analyse der DGB-Chefin Yasmin Fahimi fiel überwiegend positiv aus – abgesehen von einzelnen Punkten wie der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Sie versprach, den Reformprozess «konstruktiv und engagiert» zu begleiten. Verdi-Chef Frank Werneke warf der Koalition allerdings vor, dass das Reformpaket an maßgeblichen Stellen zulasten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gehe.
Dann wäre da noch die Frage, ob die Koalition mit den Reformen eine breite Mehrheit der Bevölkerung überzeugen kann. Das dürfte die schwierigste Aufgabe werden, nachdem Schwarz-Rot im ersten Regierungsjahr viel Vertrauen verspielt hat und in den Umfragen auf Tiefstwerte gerutscht ist.
Bei der Pressekonferenz im Kanzleramts-Garten ruft Merz die Menschen in Deutschland auf, an den Reformen mitzuwirken: «Wir müssen einfach Lust auf die Zukunft unseres Landes entwickeln», fordert er.
Quelle: dpa