Gesellschaft

Bund will Heimatgefühl stärken - Hilft das gegen Frust?

16. Juli 2026 , 17:01 Uhr

Die Koalition arbeitet an Reformen, um die Stimmung im Land zu heben - auch unter dem Druck hoher Umfragewerte der AfD. Mit dazu beitragen sollen viele kleine Projekte vor Ort. Und der Heimatgedanke.

Wenn die Bäckerei oder eine Arztpraxis in der Nähe schließen, sorgt das bei vielen für Frust – teils auch ganz generell über die Politik und was das Vertrauen in ein funktionierendes Land angeht. Die Bundesregierung will Problemen vor Ort besser auf die Spur kommen und so auch das Heimatgefühl stärken. «Unsere Heimat gehört denen, die sich um das Miteinander kümmern, nicht denen, die das Gegeneinander organisieren», sagte Minister Alois Rainer bei der Vorstellung einer «Heimat-Agenda» im brandenburgischen Chorin. 

Das Agrarressort des CSU-Politikers ist in der schwarz-roten Regierung mit für Heimatpolitik zuständig, und das soll künftig auch noch klarer sichtbar werden. Rainer stellte dafür eine Agenda mit dem Titel «Miteinander ist es Heimat» vor, die vor allem mehr Vor-Ort-Präsenz und Dialog verspricht. «Wir gehen dorthin, wo man uns braucht, etablieren verbindliche Formate und gehen dann direkt in die Umsetzung», sagte Rainer. Denn Heimat sei am stärksten, wenn Menschen konkret erleben, dass sie Dinge so gestalten können, wie sie es auch brauchen.

Regelmäßige Dialoge geplant 

Kern der Agenda sollen regelmäßige «Heimat-Dialoge» des Ministeriums gemeinsam mit Ländern, Kommunen, Verbänden und weiteren Partnern sein. Ergänzend soll ein «Heimatreport», eine repräsentative Umfrage, Ansichten und Handlungsfelder ermitteln. Ein neuer «Bundespreis Heimat» soll Menschen und Initiativen auszeichnen, die sich besonders für das Miteinander engagieren. Auch eine weitere Förderung der regionalen Wirtschaft steht mit im Blick. 

Die mitregierende SPD reagierte enttäuscht auf die Agenda, die erst ein Jahr nach Amtsübernahme vorgelegt werde. Die meisten aufgeführten Maßnahmen existierten bereits seit Jahren, sagte der SPD-Heimatpolitiker David Mandrella. 

Zusätzliches Geld stellte Rainer angesichts angespannter Haushalte nicht in Aussicht. Fördermittel sollten aber mehr in der Breite wirken, statt dass man etwas für jedes Projekt einzeln erkämpfen müsse. Der Blick für Lösungen von Alltagsproblemen solle Querschnittsaufgabe der ganzen Regierung sein. 

«Wir verteidigen das Miteinander»

Dabei wird deutlich, dass es in Zeiten der Krisen und Umbrüche auch um ein Signal für mehr Zusammenhalt und Zuversicht gehen soll. «Wir brauchen wieder gemeinsame Ziele, Wertschätzung und auch Optimismus», sagte Rainer. Und formulierte als Versprechen: «Wir hören zu. Wir nehmen die Lebenswirklichkeit vor Ort sehr ernst. Wir stärken die Menschen, die anpacken. Wir verteidigen das Miteinander gegen alle, die nur spalten und schlechtreden wollen.»

Angesprochen auf hohe Stimmanteile gerade in ländlichen Regionen für die AfD, die teils auch auf das Motiv der Heimat setzt, meinte der CSU-Politiker, das sei «kein geschützter Begriff für die Bundesregierung». Und betonte zugleich: «Ich habe mit Sicherheit keine Angst vor der AfD.» Wichtig sei, die vielen Dinge nach vorne zu stellen, die positiv laufen. Da dürfe man sich nicht kirre machen lassen.

«Wunderbare Lernorte für Demokratie»

Vor der Vorlage seiner Agenda hatte Rainer ein paar Kilometer entfernt im 300-Einwohner-Ortsteil Serwest das Dorfgemeinschaftshaus besucht. In dem ehemaligen Schulgebäude wurde ihm eine Reihe von Aktivitäten vorgestellt – von einer Seniorengruppe und der freiwilligen Feuerwehr über Angebote für Yoga und Tischtennis bis zu einem Café. Für das Obergeschoss, das noch saniert werden muss, werden Ideen gesammelt. Den Favoriten bekam der Minister auch zu hören: nämlich, dass dort eine Arztpraxis einziehen könnte.

Die Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbands, Petra Bentkämper, die mit dabei war, stellte heraus, dass die Zahl freiwillig engagierter Menschen steige. Mit hoher Motivation, Verantwortung und oft auch notwendigem Pragmatismus gestalteten sie Zukunft in den Regionen. «Und nebenbei sind unsere Vereine und Verbände ja auch wunderbare Lernorte für Demokratie.» Es gehe aber nicht alles nur mit dem Ehrenamt. Bentkämper sagte, sie freue sich über eine gewisse neue Landlust. Aber immer noch verließen vor allem junge Frauen die ländlichen Räume – unter anderem auch aus dem Grund fehlender Bildungschancen.

Auch Städte solle in den Blick 

Rainer präsentierte seine Agenda vor einem idyllischen Dorfteich im Grünen. Und in ländlichen Regionen leben laut Ministerium 57 Prozent der Menschen in Deutschland. Unter anderem mit vielen mittelständischen Firmen wird dort fast die Hälfte des Bruttosozialprodukts (47 Prozent) erwirtschaftet. Nur ums Land gehen soll es aber nicht. «Wir werden natürlich genauso die urbanen Räume im Blick haben», sagte Rainer. Wie für ihn sein Heimatort in Bayern ein Stück weit Heimat ist, seien es für viele etwa auch Berlin-Neukölln oder Berlin-Kreuzberg.

Quelle: dpa

 

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