Hinter einer dicken Glasscheibe greift ein Schlangenexperte routiniert in eine Kiste und hält Sekunden später mit Hilfe eines Metallhakens eine hochgiftige Monokelkobra in den Händen. Das Toxin dieser in Südostasien heimischen Schlange zerstört das Gewebe und kann für Menschen tödlich sein, wenn ein Biss unbehandelt bleibt. Der Mann trägt einen Gesichtsschutz, geht aber ansonsten mit bloßen Händen zu Werke.
Gekonnt packt der junge Thailänder die etwa eineinhalb Meter lange Giftnatter hinter dem Kopf und führt sie zu einer dünnen Kunststoffmembran, die über einem Glasgefäß angebracht ist. Die rund zwei Dutzend Zuschauer in der historischen «Snake Farm» in Bangkok halten den Atem an. Dann beißt die Schlange zu.
Aus sicherem Abstand verfolgen die Besucher, wie die Fangzähne die Membran durchstoßen und kurz darauf langsam Gift herausfließt – gelblich, trüb und ziemlich zäh. Die Schlangen werden «gemolken», wie der Vorgang im Fachjargon heißt: Der Kopf des Tieres wird dabei direkt hinter dem Schädel fixiert. Beim Biss in die Membran pressen sich die Giftdrüsen, die hinter den Augen liegen, zusammen – und das Gift fließt über die Fangzähne mittels eines Trichters in ein Glas.
Für schwache Nerven ist diese Arbeit nichts. Aber sie kann viele Leben retten, gerade in Südostasien, wo jährlich Hunderttausende Menschen von Schlangen gebissen werden und Studien zufolge mehr als 15.000 Opfer an den Folgen sterben. Fast 1.000 weiteren müssen jedes Jahr Gliedmaßen amputiert werden.
Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind es in Thailand etwa 10.000 Bisse pro Jahr, besonders in ländlichen Gebieten. Heute sterben im Königreich aber dank der guten Versorgung durchschnittlich weniger als 30 Betroffene.
Ein wichtiger Faktor ist dabei die 1923 eröffnete Schlangenfarm des Queen Saovabha Memorial Institute (QSMI) in Thailands Hauptstadt. Sie ist die zweitälteste Einrichtung dieser Art weltweit, nach dem 1901 eröffneten Instituto Butantan in Brasilien – und spielt seit über 100 Jahren eine zentrale Rolle im Kampf gegen tödliche Schlangenbisse in der Region.
Jeden Vormittag können Interessierte das Schlangen-Melken für ein kleines Entgelt aus nächster Nähe beobachten. Was nach exotischer Schau für Touristen klingt, ist in Wirklichkeit ein medizinisch hochrelevanter Prozess, durch den lebensrettende Antiseren gewonnen werden.
Seit 1994 werden hier auch Schlangen gezüchtet. Ziel ist es, «eine stabile, gesunde und artengesicherte Quelle für Schlangengift zur Herstellung von Antivenom zu sichern», wie es auf der Webseite des Instituts heißt, das zum thailändischen Roten Kreuz gehört.
«Die verschiedene Schlangenarten haben eine sehr unterschiedliche Giftzusammensetzung, weshalb zur Behandlung jeweils spezifische Gegengifte benötigt werden», erklärt die WHO in einem Bericht zu der Forschungseinrichtung, mit der sie eng zusammenarbeitet. Die Schlangenfarm des QSMI spiele eine unverzichtbare Rolle bei der Antiserum-Produktion und halte sich dabei strikt an internationale Standards, lobt die UN-Behörde.
Der Fokus liegt auf hämotoxischen Giften, wie sie bei Vipern typisch sind, und neurotoxischen Giften, die vorwiegend bei Giftnattern vorkommen. Erstere stören die Blutgerinnung und schädigen das Gewebe, zweitere verursachen Lähmungen und neurologische Symptome bis hin zum Atemstillstand.
«Das Gift ist entweder durchsichtig oder gelblich, und es beinhaltet eine komplexe Mischung aus Toxinen und Enzymen», erläutert eine Tafel im angrenzenden, höchst informativen Schlangenmuseum.
Hier sind zahlreiche imposante Exemplare in riesigen Glasbehältern konserviert, von der gefürchteten Königskobra, die mit ihrem Toxin sogar Elefanten überwältigen kann, bis hin zu einer schwach giftigen Art mit dem kuriosen Namen Puffgesicht-Wasserschlange. Kaum eine Frage zu den faszinierenden Reptilien bleibt unbeantwortet.
Während es normalerweise nach einem Biss zu Schmerzen und Schwellungen kommt, bleiben die Bisse mancher Spezies vom Opfer fast unbemerkt – etwa im Fall des in Südostasien heimischen Blauen Krait (auch Malaiischer Krait genannt). Das Gift gelangt still und heimlich in die Blutbahn. Unbehandelt sind die meisten Betroffenen wenige Stunden später tot.
Laut der thailändischen Nationalparkbehörde gibt es in dem von Dschungeln durchzogenen Tropenparadies mehr als 250 Schlangenarten. Etwa 60 Arten sind giftig.
«Jeder Tropfen Gift, den wir heute von den Monokelkobras extrahieren, wird an die Abteilung für die Herstellung von Antivenom geschickt», erklärt derweil ein Experte den Zuschauern aus aller Welt, die dem Schlangen-Melken beiwohnen. Dann würden Pferden über einen längeren Zeitraum geringe Mengen des Toxins injiziert, bis das Immunsystem der robusten Tiere genügend Antikörper gebildet habe.
Experten nennen diesen Vorgang Hyperimmunisierung. Kritiker warnen aber, dass das Verfahren mit großem Tierleid verbunden ist.
Anschließend werden die Antikörper dem Plasma des Spendertiers entnommen und verschiedenen Reinigungsprozessen unterzogen – bis das Antiserum in möglichst reiner Form vorliegt. Dies ist wichtig, um Nebenwirkungen zu vermeiden: Das tierische Eiweiß im Blutplasma von Pferden kann bei Menschen zu allergischen Reaktionen führen.
Es gibt mittlerweile aber auch andere Ansätze: Seit einiger Zeit suchen Forschungsteams weltweit nach Antiveninen, die sich synthetisch herstellen lassen und die Gifte ganzer Gruppen von Schlangen neutralisieren.
Weltweit existieren schätzungsweise bis zu 3.500 Schlangenarten. Rund 600 gelten als giftig. In Deutschland leben sieben Arten, giftig sind aber nur die Kreuzotter und die Aspisviper. Ihr Biss ist aber meist nicht lebensbedrohlich. Für alle Schlangen gilt: Gewöhnlich greifen sie überhaupt nur an, wenn sie sich bedroht fühlen – denn ihr Gift ist viel zu wertvoll, um es zu verschwenden.
Quelle: dpa