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Ziellinie der Pandemie: Tritt Herdenimmunität ein?

Berlin (dpa) – Das klingt nicht gut: Eine Metropole in Brasilien, in der die große Mehrheit der Bevölkerung schon mit dem Coronavirus infiziert gewesen sein soll, erlebt gerade einen zweiten Kollaps des Gesundheitssystems.

Auslöser ist – nach Monaten relativer Ruhe – wieder Sars-CoV-2. Die Annahme einer erreichten Herdenimmunität: widerlegt? Welchen Anteil haben Virusmutationen an der Lage? Und droht so etwas auch hierzulande? Diese Fragen stellen sich anhand von Studienergebnissen und Medienberichten zur Lage in Manaus.

Die Nachrichten aus der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas mit mehr als zwei Millionen Einwohnern lassen aufhorchen: Es fehlen Krankenhausbetten und Sauerstoff, Patienten werden in andere Bundesstaaten ausgeflogen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) organisierte Hilfslieferungen: Sauerstoff, Thermometer, Schnelltests.

Besonders verwunderlich an der Entwicklung ist, dass Forscher dort die theoretische Schwelle zur Herdenimmunität überschritten glaubten: Im Januar schätzten brasilianische Experten im Fachblatt «Science» den Anteil der Bewohner von Manaus, die sich bis Oktober infiziert hatten, auf mehr als 70 Prozent. Sie hatten Proben von Blutspendern auf Corona-Antikörper untersucht.

Mit Herdenimmunität ist ein Schutz durch die Gemeinschaft gemeint: Davon profitieren etwa Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Ist eine ausreichende Zahl der Bevölkerung geimpft oder nach durchgemachter Erkrankung immun, breitet sich der Erreger kaum noch aus – und gelangt weniger zu anfälligen Personen.

Aber einen einheitlichen Schwellenwert gibt es nicht. «Wie viele Immune tatsächlich notwendig sind, damit dies funktioniert, hängt davon ab, wie ansteckend die jeweilige Erkrankung ist und wie gut die Impfung wirkt bzw. wie lange der Impfschutz anhält», erklärt das Robert Koch-Institut (RKI) in einem Infoblatt. Bei Sars-CoV-2 ist bisher zudem unklar, ob Geimpfte das Virus noch übertragen und wie lange eine Immunität anhält.

Dennoch dürfte bei vielen Menschen die Botschaft hängengeblieben sein, dass die Pandemie quasi gestoppt ist, wenn sich genug Menschen infiziert haben oder durch Impfungen immun geworden sind. Seit dem Frühjahr beziffern Experten den Anteil, der für den erhofften Effekt nötig ist, auf zwei Drittel der Bevölkerung, etwa 67 Prozent. Die Zahl fußt auf der Annahme, dass ein Infizierter im Schnitt drei Menschen anstecken würde, wenn keine Maßnahmen in Kraft sind und niemand immun ist – die Basisreproduktionszahl (Basis-R-Wert).

Was aber ist dann in Manaus passiert? Im Journal «The Lancet» nennen Forscher mehrere Erklärungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Demnach könnten die Schätzungen der Infektionen zu hoch gewesen sein. Auch die in der ersten Welle erlangte Immunität könnte möglicherweise im Dezember wieder geschwunden sein, so die Autoren. Hinzu komme der Nachweis von Corona-Varianten in Manaus, die dem Immunsystem von Genesenen entgehen und erneut Infektionen verursachen. Und die offenbar ansteckender sind als frühere Formen.

Ein ansteckenderes Virus hat auch eine höhere Basisreproduktionszahl: Die Kalkulation vom Frühjahr, dass ein Infizierter im Schnitt drei Menschen ansteckt, müsste bei einer Verbreitung von Varianten angepasst werden. Das heißt, dass Herdenimmunität nicht bereits bei 67 Prozent erreicht wäre, sondern erst bei einem höheren Anteil. Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim rechnete auf ihrem Youtube-Channel MaiLab vor, dass die Schwelle etwa bei einem Basis-R-Wert von fünf bei 80 Prozent läge.

Das sind jedoch theoretische Überlegungen. In der Praxis tragen laut dem Virologen Christian Drosten viele weitere Faktoren bei, wie Kontaktnetzwerke und -häufigkeit. Das sagte er kürzlich im «Coronavirus-Update» bei NDR-Info. Wahrscheinlich bildeten sich in Kombination mit milden Corona-Maßnahmen schon Schutzeffekte, wenn weniger als zwei Drittel der Bevölkerung geimpft sind. Denn das Virus verbreite sich vor allem durch Ausbrüche. Stellt man sich Netzwerke von Übertragungen vor, könnten ab einer gewissen Schwelle wichtige Verbindungen zwischen Ausbrüchen nicht mehr geschlossen werden.

Über Manaus sagte der Charité-Forscher, eine erneute Welle schwerer Verläufe sei in einer bereits durchinfizierten Bevölkerung nicht wirklich zu erwarten. Auch andere Experten rechnen damit, dass Patienten im Fall einer zweiten Ansteckung mildere Symptome bekämen. Drosten bezweifelt daher die Annahme, in Manaus sei 2020 bereits eine Herdenimmunität entstanden.

Der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk von der Uniklinik Halle betont auf dpa-Anfrage, dass auch 30 Prozent empfängliche Bürger viel seien, wenn eine neue Virusvariante so viel infektiöser ist, dass die Epidemie sich erneut ausbreiten könne. Der Anteil sei groß genug, um ein Gesundheitssystem zu überlasten. In Deutschland hätten vermutlich bisher weniger als 10 Prozent der Bevölkerung Corona gehabt – und selbst diese geringe Zahl habe schon beinahe eine Überlastung bewirkt, erläutert er. Offiziell erfasst sind in Deutschland nur rund 2,3 Millionen Fälle – etwa 2,8 Prozent der Bevölkerung. Zur Frage der Dunkelziffer läuft noch eine Studie am RKI.

«Von einer Herdenimmunität, die aufgrund durchgestandener Infektionen zustande kommt, sind wir noch sehr weit entfernt. Gerade mit den neuen Varianten ist es kein realistisches Szenario und auch mit der Impfung sind wir erst am Anfang», meint Mikolajczyk. Er halte die Fortsetzung und möglicherweise eine Verschärfung der aktuellen Maßnahmen für notwendig: Damit es nicht zu einem exponentiellen Wachstum der Infektionen mit den neuen Varianten kommt, bevor ausreichend viele Menschen geimpft sind, um die Zahl der Todesfälle niedrig zu halten. In Deutschland bereitet derzeit vor allem die in Großbritannien gefundene Variante B.1.1.7 Sorgen.

Der Präsident der Gesellschaft für Virologie, Ralf Bartenschlager, sagte der dpa kürzlich, er halte Herdenimmunität durch konsequente Impfungen trotz der Varianten für das entscheidende Mittel, um der Pandemie entgegenzutreten. «Wie weit wir damit kommen – ob wir eine vollständige Kontrolle im Sinne einer Vermeidung von Infektionen erreichen -, kann man im Moment nicht abschließend sagen.»

Ohnehin wird Herdenimmunität nach Ansicht Drostens nicht schlagartig erreicht sein. Er verwies auf erste Daten aus Israel, die ermutigend seien: Demnach sank die Rate der Krankenhausaufnahmen bereits in Altersgruppen, in denen ungefähr jeder Zweite geimpft war.

Allerdings betonen Wissenschaftler, dass es selbst in einer im Durchschnitt gut geimpften Bevölkerung immer Gruppen mit nicht so vielen Geimpften gebe. Auch eine natürlich verlaufende Epidemie hinterlasse keine zufällig verteilte Immunität, so Mikolajczyk. Es bleiben somit Bereiche, in denen es zu Ausbrüchen kommen kann, sobald das Virus eingeschleppt wird. Dafür sind die hochansteckenden Masern seit Jahren ein Beispiel.

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