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München wieder unter Corona-Grenzwert: Verwirrung um Zahlen

München (dpa/lby) – Zu Beginn schärferer Corona-Regeln in München ist die Zahl der Neuinfizierten wieder unter den kritischen Warnwert gesunken. Die Zahl der in den vergangenen sieben Tagen mit dem Coronavirus infizierten Menschen sank unter den Grenzwert von 50 je 100 000 Einwohner, wie das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am Donnerstag mitteilte. Die neuen Regeln wie Maskenpflicht auf einigen öffentlichen Plätzen in der Altstadt und Kontaktbeschränkungen sollen dennoch vorerst eine Woche gelten, wie ein Stadtsprecher betonte. Unklarheit bei den Warnwerten sorgt aber zunehmend für Ärger in ganz Bayern – bei Wirten und Eltern von Schulkindern zum Beispiel.

In der bayerischen Landeshauptstadt mit ihren rund 1,5 Millionen Einwohnern dürfen sich nun nur noch bis zu fünf Menschen oder Angehörige von höchstens zwei Haushalten treffen, egal ob zu Hause, im Freien oder im Lokal. Große Partys und Feiern sollen in den kommenden Tagen unterbleiben: In Gebäuden können private Feste wie Geburtstage oder Hochzeiten mit bis zu 25 Menschen gefeiert werden, aber nur, wenn der Gastgeber ein Schutz- und Hygienekonzept vorweisen kann. Unter freiem Himmel sind bis zu 50 Gäste erlaubt.

Von 9.00 Uhr bis 23.00 Uhr gilt an Plätzen wie dem Marienplatz oder dem Viktualienmarkt Maskenpflicht. Am Wochenende ist zudem der nächtliche Alkoholkonsum an beliebten Treffpunkten wie dem Gärtnerplatz verboten. «Natürlich überwachen die Einsatzkräfte die Einhaltung der Maskenpflicht», sagte ein Polizeisprecher. Eine Bilanz, ob die Menschen sich an die Regeln hielten, soll es frühestens am Freitag geben.

München hatte letzte Woche zum wiederholten Male die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten. Doch die teils großen Unterschiede zwischen den Corona-Werten des Robert Koch-Instituts (RKI) und des LGL bringen Verunsicherung. «Wir verfolgen die veröffentlichten Werte schon eine ganze Zeit und niemand versteht die Unterschiede», sagte am Donnerstag Wolfgang Fischer, Geschäftsführer der Unternehmerinitiative CityPartnerMünchen. Da die Auswirkungen auf Handel und Gastronomie erheblich seien, wachse die Verärgerung. Auch Eltern von Schulkindern sind verunsichert, da bei hohen Werten Schulschließungen drohen können.

Hintergrund ist der von RKI und LGL täglich veröffentlichte Wert, der besagt, wie viele Neuansteckungen es pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen in einer Stadt oder einem Landkreis gegeben hat. So hatte in den vergangenen Tagen etwa für München das RKI meist Werte unterhalb des Grenzwertes von 50 angegeben, wogegen die LGL-Werte deutlich darüber lagen. Beispiel 19. September: Während das RKI einen Inzidenzwert von 45,7 meldete, lag er beim LGL bei 54,16. Am 23. September meldete das RKI einen Wert von 44,7, das LGL dagegen einen Wert von 51,04. Dass es auch ohne Unterschiede geht, zeigte sich am Donnerstag (24. September), als RKI und LGL der Landeshauptstadt eine Inzidenz von 45,1 attestierten – also wieder unter der kritischen Marke von 50.

Der Inzidenzwert ist schon seit Monaten für Experten ein wichtiger Indikator zur Beurteilung des Infektionsgeschehens. Aktuell ist er aber von ganz besonderem Interesse, weil das bayerische Kabinett ihn in dieser Woche als Maßstab für den Erlass oder zumindest die Prüfung von Beschränkungen definiert hat, welche die Kommunen zur Reduzierung der Infektionszahlen einleiten sollen. Dazu zählen eine generelle Maskenpflicht auf besonders frequentierten öffentlichen Plätzen, Kontaktbeschränkungen im privaten wie in der Öffentlichkeit, Alkoholverbote und eine vorgezogene Sperrstunde.

Auch bei den Corona-Beschlüssen von Bund und Ländern wird der Wert immer zugrunde gelegt, wegen der bundesweiten Vergleichbarkeit der RKI-Angaben. So dürfen etwa nur Fußballfans zu Bundesligaspielen, wenn der Wert am Spielort und Spieltag unter 35 ist. Dies hatte jüngst zu Debatten zwischen Vereinen und Politik geführt, da kurz vor dem ersten Spieltag nach gestiegenen Zahlen die Stadien in München und Köln leer blieben.

München arbeite zum Beispiel mit den LGL-Zahlen, da diese den aktuellsten Stand des Geschehens abbildeten, sagte ein Stadtsprecher. In der Staatsregierung ist man sich der unterschiedlichen Zahlenangaben bewusst. Ursache seien der Meldeverzug bei der Datenübertragung zwischen Landes- und Bundesbehörde, unterschiedliche Zeitrahmen der Erfassung und auch Nachmeldungen sowie Korrekturen früherer Eingaben. «Das Gesundheitsministerium prüft aktuell gemeinsam mit dem LGL, welche Änderungen an dem bisherigen Vorgehen auf fachlich sinnvolle Weise für mehr Klarheit sorgen könnten», sagte ein Ministeriumssprecher.

Aus der Staatsregierung heißt es, dass nicht alleine der Inzidenzwert entscheidend für mögliche Beschränkungen sei. Vielmehr sei er ein Faktor von vielen, die zeigten, wie aktiv das Virus in einer Region generell sei. Ob der Wert knapp über oder unter dem 50er-Wert liege sei daher nicht relevant. Entscheidender sei, ob die Corona-Fälle noch nachvollzogen werden könnten oder ob bereits eine diffuse Verbreitung eingesetzt habe. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte den vom RKI festgelegten Grenzwert 50 als «Sprungpunkt» zu einer erneuten exponentiellen Entwicklung bezeichnet.