Beendet nach der aktuellen Saison seine Karriere als Rennfahrer: Ex-Weltmeister Sebastian Vettel., © Darko Bandic/AP/dpa

Das Ende der Vettel-Ära: «Meine Ziele haben sich verändert»

Ein kleiner Hocker, ein schmuckloser Raum, Sebastian Vettel trägt schwarz. Er nimmt Platz und zögert nicht lang. «Ich verkünde hiermit meinen Rücktritt aus der Formel 1 am Ende der Saison 2022.»

In einem rund vierminütigen Instagram-Video auf deutsch und englisch, das am Donnerstag nach zwei Stunden schon knapp acht Millionen Mal angesehen wurde, erklärte Vettel offen und mit emotionaler Entschlossenheit die Gründe für seinen nahenden Rücktritt mit 35 Jahren. «Meine Ziele haben sich verändert», sagt er. «Weg von Rennsiegen und dem Kampf um Meisterschaften, dazu, meine Kinder aufwachsen zu sehen.»

Seine drei Kinder, seine Frau, die Liebe für die Natur, die aktuellen Herausforderungen der Menschheit, der Kampf um Gleichheit – Vettel ließ nichts aus. Auch wenn er vor einer Woche noch – überraschend – erklärt hatte, weitermachen zu wollen: die Worte, mit denen er das Ende einer der erfolgreichsten Karrieren im Motorsport ankündigte, zeigen, was im Menschen Sebastian Vettel steckt. «Ein Rennfahrer zu sein war nie meine ganze Identität», sagt Vettel. Fast schon philosophisch ergänzt er: «Wer ich bin? Ich bin Sebastian, Vater von drei Kindern und Ehemann einer wundervollen Frau.»

Vettel glänzte mit Red Bull – Hochphase vorbei

Er sei auch neugierig, mal nervig, nach Perfektion strebend, ehrgeizig. Attribute, die ihn als Formel-1-Piloten auszeichneten und zu einem der besten seines Fachs machten. Eine Bilderbuch-Karriere war es in der ersten Hälfte. Der gebürtige Heppenheimer glänzte vor allem in seiner Zeit bei Red Bull mit vier WM-Titeln von 2010 bis 2013; der Vettel-Finger auf dem Podium wurde legendär. «Er hatte eine unglaubliche Karriere», sagte der aktuelle Weltmeister Max Verstappen: «Es ist wichtig, dass er jetzt das Leben mit seiner Familie lebt. Für ihn ist die Zeit gekommen, alles zu genießen.»

Lange wirkte Vettel immer wie ein Schüler auf Besuch im Fahrerlager: unbeschwert, ein bisschen frech, witzig, auch mal schmollend, wenn es nicht nach seinem Willen lief, aber eigentlich immer authentisch. Selbst während der Zeit nach seiner Hochphase. Mit der Ära bei Ferrari wie beim großen Idol Michael Schumacher wurde es in sechs eher tristen Jahren nichts. Auch dass es bei Aston Martin nichts wurde, wird Vettel letztlich verkraften können. Am 20. November in Abu Dhabi wird er zum letzten Mal ein Formel-1-Rennen bestreiten. Ein Rücktritt vom Rücktritt – bei ihm unvorstellbar.

Fokus auf das Leben neben der Strecke

Sein ganzer Fokus soll seiner Liebsten und den drei gemeinsamen Kindern gelten. In der Schweiz lebt Vettel mit seiner Familie auf einem ehemaligen Bauernhof. Er will seine «Werte weitergeben», den Kindern helfen, «wenn sie fallen und ihnen zuzuhören, wenn sie mich brauchen», sagte er. Das alles sei mit einem Job in der Formel 1 einfach nicht mehr vereinbar.

Lange habe er über den Schritt nachgedacht. Am Mittwochabend habe er dann zuerst das Team in der Garage informiert. Die Entscheidung fiel auch zusammen mit seiner Ehefrau, die ihm zunächst nicht glauben wollte, dass er nun wirklich aufhören will. «Ich liebe diesen Sport. Es war der Mittelpunkt meines Lebens seitdem ich denken kann», sagte er vor dem Großen Preis von Ungarn am 31. Juli (15.00 Uhr/Sky) in Budapest: «Aber so sehr es das Leben auf der Strecke gibt, so sehr gibt es auch mein Leben neben der Strecke.»

Auf der Piste versuchte er von 2015 bis 2020 Michael Schumacher nachzueifern. Statt Titeln gab es bei Ferrari die Ausmusterung. Nach zwei Jahren bei Aston Martin reicht es Vettel nun ganz. Zuletzt machte er ohnehin mehr Schlagzeilen durch sein politisches Engagement, den Kampf für Menschenrechte und die Umwelt als mit Erfolgen auf der Rennstrecke. «Ich bin tolerant und fühle, dass wir alle die gleichen Rechte zu leben haben. Egal wie wir aussehen, woher wir kommen oder wen wir lieben», sagte Vettel auch in seiner Rücktritts-Ankündigung und kündigte an, sich weiterhin zu engagieren.

Vettel aktuell auf Rang 14 – aber hochdekoriert

Die verbleibenden zehn Rennen – am Ende wird er wohl als siebter Fahrer der Geschichte die 300 Grand-Prix-Starts schaffen – will er genießen. Die Hoffnungen auf Besserung im grünen Rennwagen seines insgesamt fünften Formel-1-Arbeitgebers erfüllten sich auch im zweiten Jahr nicht. Aktuell belegt er nur den 14. WM-Rang, er holte in den bisherigen zwölf Rennen gerade mal 15 Punkte. Sein letzter Sieg von insgesamt 53 Grand-Prix-Erfolgen liegt lange zurück, es war am 22. September 2019 in Singapur. Seinen letzten WM-Titel hatte er 2013 gefeiert. Was danach folgte, war ein steter Abstieg.

Mit seinen großen Erfolgen bleibt Vettel dennoch einer der meist dekorierten Piloten der Formel 1. Im aktuellen Feld holte nur Lewis Hamilton mehr Titel. Hinter dem Briten und Michael Schumacher (beide 7) sowie Juan Manuel Fangio (5) folgt Vettel in der ewigen Bestenliste bereits zusammen mit Alain Prost. «Seb, es war mir eine Ehre, dich einen Konkurrenten zu nennen, und eine noch größere Ehre, dich meinen Freund zu nennen», twitterte Rekordweltmeister Hamilton am Donnerstag. Dazu ergänzte der Mercedes-Star: «Diesen Sport besser zu verlassen, als man ihn vorgefunden hat, ist immer das Ziel. Ich habe keinen Zweifel daran, dass alles, was als nächstes für dich kommt, aufregend, bedeutungsvoll und lohnend sein wird.»

Vettels Rücktritt bedeutet auch, dass im kommenden Jahr ein weiterer deutscher Fahrer fehlen wird. Ob überhaupt noch einer dabei sein wird, muss sich zeigen: Bisher liegt Vettel-Kumpel Mick Schumacher noch kein neuer Vertrag vor. «Ich bin so traurig, dass du gehst, aber gleichzeitig freue ich mich für dich und dieses neue Kapitel deines Lebens», schrieb Schumacher: «Danke für alles, was du für den Sport gemacht hast, den wir beide lieben.»

Mick Schumacher als Nachfolger?

Bereits jetzt wird Schumacher als möglicher Nachfolger gehandelt, da er selbst noch keinen Vertrag für 2023 besitzt. «Ich denke, hier gibt es noch eine Menge zu tun, hier liegt mein Fokus im Moment», sagte der 23-Jährige im Fahrerlager von Budapest zu seiner Situation beim US-Rennstall Haas. Ganz wollte Schumacher einen Wechsel zu Aston Martin aber nicht ausschließen. «Wer weiß, was die Zukunft bringt? Ich sage niemals nie, aber mein Fokus jetzt gerade sind Budapest und Haas», betonte der Sohn von Rekordweltmeister Michael Schumacher.

Langweilig dürfte es Vettel derweil nicht werden. Seit längerem beschäftigt er sich mit Umweltbelangen, er wurde neben Hamilton zum politischen Anführer und moralischen Wegweiser. Er zierte das Cover eines Homosexuellen-Magazin, prangert Umweltsünden an, selbst wenn es wie zuletzt in Kanada Ärger sogar von hochrangigen Politikern gibt. Auch zum Müllsammeln an den Strecken ist er sich nicht zu schade.