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Prozess nach Anschlagsserie von Waldkraiburg startet im März

Waldkraiburg (dpa/lby) – Eine Brandstiftung mit vier Verletzten, eingeworfene Scheiben an türkischen Läden in Waldkraiburg – doch es hätte womöglich auch Tote geben können. Der mutmaßliche Täter, der sich selbst als Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bezeichnete, plante den Ermittlern zufolge auch Anschläge auf türkische Einrichtungen und Moscheen – und wollte dabei Imame erschießen. Bei ihm wurden Rohrbomben, Sprengstoff und eine Waffe sichergestellt.

Von 2. März an muss sich der Deutsche kurdischer Abstammung wegen versuchter Morde in 31 Fällen, schwerer Brandstiftung und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor dem Oberlandesgericht München verantworten. Für den Prozess sind 43 Verhandlungstage angesetzt, wie das Gericht am Donnerstag mitteilte. Das Urteil könnte demnach im August fallen.

Der damals 25-Jährige war im Mai nach einer mysteriösen Anschlagsserie gefasst worden. In Waldkraiburg waren im April und Mai in mehreren Nächten Läden oder Restaurants türkischstämmiger Inhaber mit einer übelriechenden Flüssigkeit attackiert worden. Der Laden eines türkischen Gemüsehändlers ging in Flammen auf. Bei diesem Brandanschlag in der Nacht zum 27. April – der schlimmsten Attacke – wurden vier Menschen durch Rauchgas verletzt.

Die Festnahme des Mannes am 8. Mai 2020 könnte weitere Taten verhindert haben. Als die Polizei zugriff, hatte er in seinem Gepäck zehn Rohrbomben und kiloweise Sprengstoff dabei. Bei der Durchsuchung seiner Wohnräume und seines Autos wurden weitere 13 Rohrbomben und mehrere Kilo sprengfähiges Material sichergestellt.

Der Mann soll selbst eingeräumt haben, dass er zwischen dem 15. und 17. Mai mehrere Moscheen des Islamverbandes Ditib angreifen wollte. Anschließend wollte er das türkische Generalkonsulat in München sowie die DITIB-Zentralmoschee in Köln ins Visier nehmen. Bei den Anschlägen auf die Moscheen wollte er die jeweiligen Imame erschießen. Der junge Mann habe sich gegenüber den Ermittlern freimütig geäußert, hieß es.

Laut Bundesanwaltschaft hatte der Mann seit 2017 einen Prozess der religiösen Radikalisierung durchlaufen; er wurde Anhänger eines islamistischen Weltbildes sowie der terroristischen Vereinigung IS. Zudem entwickelte er im Zusammenhang mit dem Vorgehen des türkischen Staates im Syrienkonflikt und dessen Umgang mit bestimmten Predigern in der Türkei einen nachhaltigen Hass auf den türkischen Staat und Menschen türkischer Abstammung.

Bei Muslimen und türkischstämmigen Bürgern in der von vielen unterschiedlichen Nationen bewohnten Stadt Waldkraiburg hatten die Anschläge große Sorge ausgelöst. Der Erste Bürgermeister Waldkraiburgs, Robert Pötzsch, sagte, er hoffe in dem Prozess auf ein Urteil, das zeige, «dass solche Taten keinen Platz in unserer Gesellschaft haben». Die Taten hätten aber das Klima in der Stadt nicht beeinträchtigt. «Unser Zusammenhalt im letzten Jahr hat gezeigt, dass niemand diesen Kern unseres Zusammenlebens zerstören kann.» In der oberbayerischen Stadt mit mehr als 25 000 Einwohnern leben Menschen aus etwa 100 Nationen.

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