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Missbrauchsvorwürfe in Traunstein: Bistum geht auf Opfer zu

Traunstein/München (dpa/lby) – Nach Bekanntwerden von Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfen im katholischen Traunsteiner Studienseminar St. Michael geht das Erzbistum München und Freising auf die Betroffenen zu. Ehemaligen Seminaristen sei ein Gesprächsforum angeboten worden, teilte die Diözese am Montag mit. «Die Veranstaltung sollte vor allem dem Zuhören und der Aufklärung sowie einer offenen und differenzierten Aufarbeitung der Vergangenheit dienen.»

Im Frühsommer dieses Jahres waren Misshandlungs- und teils auch Missbrauchsvorwürfe gegen das renommierte katholische Internat St. Michael in Traunstein bekannt geworden, das einst auch der spätere Papst Joseph Ratzinger und dessen älterer Bruder Georg besuchten. Ehemalige Schüler berichten von Züchtigungen und einem Klima der Angst. Im Mittelpunkt der Vorwürfe aus den 1970er und 1980er Jahren steht der Erziehungsstil des damaligen, inzwischen gestorbenen Leiters.

Das Seminar müsse sich «auch den dunklen Kapiteln in der Geschichte unseres Hauses stellen und allen, die ihre Lebensphase im Studienseminar als bedrückende und belastende Zeit erlebt und erlitten haben, die notwendige Aufmerksamkeit schenken», sagte der derzeitige Direktor des Studienseminars, Wolfgang Dinglreiter, nach Bistumsangaben bei dem Gespräch, das schon am Freitag stattgefunden haben soll. Gemeinsam mit der Gruppe der Betroffenen soll nun besprochen werden, «welche weiteren Schritte der Aufarbeitung sinnvoll und nötig» sind.

Die «Süddeutsche Zeitung» hatte einen Ex-Schüler zitiert, der damalige Leiter habe ihn «konsequent bloßgestellt, sadistisch gequält und massiv geschlagen». 2016 habe sich der Mann an den Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese München und Freising gewandt. Auf dessen Frage nach sexuellem Missbrauch habe er geantwortet, es habe komische körperliche Annäherungsversuche gegeben. Im Gespräch mit der «SZ» habe er seine Vorwürfe erweitert: Der Ex-Leiter habe ihn auch sexuell missbraucht.

Von sexuellem Missbrauch berichtet laut «SZ» außer diesem Mann aber bislang niemand. Allerdings sagten der Zeitung zufolge einige frühere Schüler, dass sie bis heute unter ihrer Zeit in dem Internat litten. Andere konnten sich nicht an einen problematischen Erziehungsstil erinnern. Weitere Betroffene sind aufgerufen, sich unter kontakt@aufarbeitung-seminar-traunstein.de direkt bei der Gruppe der Betroffenen zu melden. Beim Erzbistum sind nach Angaben eines Sprechers bislang keine neuen Vorwürfe bekannt geworden: «Seit der Berichterstattung im Juni über Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Studienseminar Traunstein haben sich bei den Missbrauchsbeauftragten keine weiteren Betroffenen gemeldet.»