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Corona-Lage in Bayern droht außer Kontrolle zu geraten

München (dpa/lby) – Die Corona-Lage in Bayern verschärft sich zusehends und droht nach den Worten von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) außer Kontrolle zu geraten. Nachdem die Inzidenz im Freistaat am Montag erstmals über 500 gelegen hatte, mahnte Söder zu entschlossenem Handeln. «Es ist die vielleicht letzte Chance um gegenzusteuern», sagte er am Montag. Die nächsten Tage seien eine «Woche der Wahrheit» im Kampf gegen die vierte Welle. Danach könne die Lage dramatisch und unkontrollierbar werden. «Es ist wichtig, dass jeder seine Kontakte überprüft», sagte Söder.

Mediziner befürchten eine Triage – also eine Situation, in der das Gesundheitssystem nicht mehr in der Lage ist, alle Betroffenen zu behandeln und die Entscheidung getroffen werden muss, wem die Behandlung zufällt. «Wir haben Bilder von sich stauenden Rettungswagen vor Kliniken in den vergangenen 20 Monaten bereits gesehen und kennen Berichte der Kolleginnen und Kollegen aus dem europäischen Ausland. Dies gilt es, mit allen Mitteln zu verhindern!», heißt es in einem Appell der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Notärzte (agbn).

«Wir stehen wie kaum eine Staatsregierung vor schweren Zeiten», sagte Söder. «Wären wir alle geimpft, mit hohem Prozentsatz, wären wir in einer leichteren Situation.» Söder appellierte an jeden einzelnen in Bayern und an dessen Verantwortungsgefühl. Die Eigenverantwortung müsse in einer modernen Demokratie wahrgenommen werden, sagte er.

Die Arbeitsgemeinschaft der Notärzte in Bayern forderte deswegen in einem offenen Brieg an Söder, Gesundheitsminister Klaus Holetschek und Innenminister Joachim Herrmann (alle CSU) entschiedene Maßnahmen – darunter die Impfpflicht unter anderem für Angehörige von Gesundheitsberufen und eine großangelegte Aufklärungskampagne gegen Fake News zur Corona-Impfung

Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation eine Woche nach den Herbstferien bei Kindern und Jugendlichen. Für die Altersgruppe der Sechs- bis Elfjährigen meldete das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) inzwischen eine Inzidenz von 1073. Bei den Zwölf- bis 15-Jährigen beträgt sie 979. Beides sind in etwa Verdoppelungen im Vergleich zu den Werten der Vorwoche.

Am Montag beschloss das Kabinett wie angekündigt schärfere Regeln, die schon von Dienstag (16. November) an gelten sollen. «Am Ende geht es darauf hinaus: Es ist eine Art Lockdown für Ungeimpfte. Anders kann es gar nicht sein», sagte Söder.

Auch in Gaststätten und Hotels gilt dann ab Dienstag die 2G-Regel. Zudem kommt wegen der zunehmenden Zahl von Impfdurchbrüchen eine Maskenpflicht auch in den Bereichen, in denen nach der 2G-Regel nur Geimpfte und Genesene Zugang haben – es sei denn, der 1,5-Meter-Mindestabstand wird eingehalten.

In Alten- und Pflegeheimen werden mehr Tests verlangt. In Kitas sollen mehr Tests angeboten werden, zudem werden wieder feste Gruppen eingerichtet. Söder forderte zudem «klare Regeln für die Drittimpfung». Es bedürfe auch einer Regelung zur Haftungsfreistellung für Ärzte, um bereits fünf Monate nach einer zurückliegenden Impfung eine Auffrischungs-Spritze zu setzen. Die Impfpflicht für bestimmte Berufe – etwa im Gesundheitswesen – hält Söder ebenso für notwendig.

Auf Bundesebene bedürfe es Regelungen für länderübergreifende Ereignisse, etwa für die Spiele der Fußball-Bundesliga, sagte er. «Wir brauchen Einigkeit mit dem Bund und Ländern, um am Ende wirksam gegen Corona vorgehen zu können», sagte er. Die künftigen Ampel-Koalitionäre hätten lange Zeit falsche Signale gesetzt. Inzwischen gingen die Beschlüsse aber in die richtige Richtung, sagte er mit Blick auf die Pläne von SPD, Grünen und FDP im Bund.

In München könnte unterdessen am Dienstag die Entscheidung über eine Absage des Christkindlmarktes fallen. Dann werde man das Thema im Krisenstab der Stadt intensiv diskutieren, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Wenn ihm dann die Gesundheitsbehörde sage, die Veranstaltung sei nicht verantwortbar, «dann werden wir auch nicht anders entscheiden».

Die Städte Nürnberg und Augsburg wollen dagegen an ihren Märkten festhalten. Der weltberühmte Nürnberger Christkindlesmarkt soll unter besonderen Bedingungen stattfinden – mit einem räumlich entzerrten Konzept, verteilt über mehrere Plätze der Altstadt und mit einem strikten 2G-System für die die gastronomischen Bereiche. Söder, der aus Nürnberg kommt, äußerte die Vermutung, dass die Frequentierung der Märkte angesichts der Lage ohnehin geringer sein werde als üblich.

Der Präsident des Bayerischen Landkreistages, Christian Bernreiter (CSU), appellierte an Bürger und Veranstalter, Kontakte zu vermeiden. «Jeder soll sich in der aktuell sehr ernsten Situation gut überlegen, ob er eine Veranstaltung oder einen Weihnachtsmarkt abhält», sagte er.

Die vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeldete bayernweite Sieben-Tage-Inzidenz war zu Wochenbeginn auf 525,7 gestiegen. Vor einer Woche lag sie noch bei 316,2. Auf den Intensivstationen lagen mehr als 800 Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung, mehr als die Hälfte davon wurden invasiv beatmet, wie aus Zahlen des Intensivregisters hervorgeht. Nach Angaben von Medizinern und aus der Politik sind rund 90 Prozent der Intensivpatienten ungeimpft.

Nach dem ersten Wochenende mit verstärkten Kontrollen der Corona-Regeln in öffentlichen Einrichtungen zogen bayerische Polizeidienststellen eine überwiegend positive Bilanz. In etwa 90 Prozent der überprüften Betriebe seien die Regeln eingehalten worden, teilte das Polizeipräsidium Schwaben Nord in Augsburg mit. Auch bei den Besuchern seien die Beamten auf großes Verständnis gestoßen. Ähnliches berichteten auch die Polizeipräsidien Oberbayern Nord in Ingolstadt und Schwaben Süd/West in Kempten.

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