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«Fahr sie um!»: Mordverdacht im Prozess um 20-Jährige

Würzburg (dpa/lby) – Im Berufungsprozess um eine totgeraste 20-Jährige hat sich der Verdacht erhärtet, der betrunkene Fahrer wäre gezielt auf die Fußgängerin zugerast. «Fahr sie um oder überfahr‘ sie», soll der Beifahrer des Unfallwagens scherzhaft zum alkoholisierten Fahrer gesagt haben. So zitierte ein Ermittler eine Zeugin bei seiner Befragung am Donnerstag vor dem Landgericht Würzburg.

Der Beifahrer hätte demnach nicht gedacht, dass er tatsächlich auf die Frau zusteuern würde. Der Aussage nach, hätten die drei Mitfahrer den damals 18-jährigen Deutschen nach dem Weinfest im April 2017 bewusst ans Steuer gesetzt, da er «am besoffensten» war und am wenigsten zu befürchten hätte.

Nach dem Aufprall ist der Fahrer auf der Ortsstraße in Richtung Untereisenheim (Landkreis Würzburg) weitergefahren und ohnmächtig geworden. Wie die Zeugin erfahren haben soll, wären die Mitfahrer daraufhin ausgestiegen und hätten das Auto absichtlich einen Abhang herunterfahren lassen. Die drei Deutschen liefen weiter und legten sich schlafen. Rettungskräfte fanden den bewusstlosen Mann am Steuer, nur wenige Meter entfernt von der schwer verletzten Frau.

Laut dem Ermittler passt die Aussage der jungen Frau «sehr gut ins Bild». Denn laut Zeugenberichten soll der Wagen einen Schlenker auf die junge Frau zu gemacht haben. Das Gericht setzte die Hauptverhandlung im Berufungsprozess, in dem es um fahrlässige Tötung geht, am Donnerstag aus. Man wolle neben neuen Vernehmungen unter anderem Handy-Chats auswerten. Der neue Tatverdacht muss zudem in das Gutachten zur Schuldfähigkeit des Fahrers einbezogen werden.

Dem Vorsitzenden Richter zufolge kommt auch eine Verurteilung wegen Mordes gegen den Hauptangeklagten und wegen Anstiftung zum Mord gegen den Beifahrer in Betracht. Der 22-jährige Mitangeklagte sitzt bereits seit letzter Woche in Untersuchungshaft. Gegen den Hauptangeklagten hatte das Gericht den Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Die neue Zeugin hatte sich einen Tag nach Beginn des Berufungsverfahrens an die Polizei gewandt. Von den Details hatte sie von einem Bekannten erfahren – einer der Angeklagten soll diesem auf einer Party im betrunkenen Zustand davon erzählt haben. Die Frau empfand es der Polizei zufolge als ungerecht, dass der 21-Jährige in «ganz Deutschland» als Hauptschuldiger dargestellt werde.

Für den Verteidiger des Fahrers, Hans-Jochen Schrepfer, gebe es noch keinen dringenden Tatverdacht. Er hoffe, dass sein Mandant, diesen psychischen Stress überstehe. Seit dem Unfall soll er zwei Mal versucht haben, sich das Leben zu nehmen.

Die Familie der Verstorbenen fühle sich hingegen endlich ernst genommen, sagte der Vater des Mädchens. Sie wollen nach über drei Jahren erfahren, was in der Tatnacht passiert ist. Ein reines Trunkenheitsdelikt hätten sie schon länger angezweifelt, sagte ihr Anwalt Philipp Schulz-Merkel. «Es gab schon immer Gerüchte und diese Gerüchte konkretisieren sich langsam».

In Erster Instanz wurde das Verfahren vor dem Amtsgericht Würzburg an einem Tag abgehandelt. Der Hauptangeklagte bekam eine Geldstrafe von 5000 Euro und ein Jahr Fahrverbot auferlegt. Die drei Mitfahrer wurden ebenfalls zu Geldstrafen wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt.