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Seehofer: «Wir erleben eine unfassbare Tragödie»

Bad Neuenahr-Ahrweiler (dpa) – Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat sich bei einem Besuch des Katastrophengebietes im Norden von Rheinland-Pfalz betroffen gezeigt.

«Wir erleben in diesen Tagen eine unfassbare Tragödie», sagte er im vom Hochwasser hart getroffenen Bad Neuenahr-Ahrweiler. «Ich habe in einem langen politischen Leben mit vielen Katastrophen in Bayern mit Wasser und Schnee so etwas noch nie erlebt», sagte der Minister.

Es handele sich um eine Ausnahmesituation, «die wir auch bei aller Anstrengungen vor Ort nur in einem großen nationalen Kraftakt bewältigen können». In Begleitung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD) machte sich Seehofer auch einen Eindruck von Hilfseinsätzen wie dem Aufbau mobiler Trinkwasseranlagen durch das Technische Hilfswerk (THW).

THW sorgt für sauberes Trinkwasser

Um den Menschen vor Ort zu helfen, stellen die Helfer des THW in der Eifelgemeinde sauberes Trinkwasser zur Verfügung. «Die großflächigen Überschwemmungen haben die Infrastruktur zerstört, an vielen Orten – wie im Stadtkern von Bad Neuenahr-Ahrweiler – gibt es kein Trinkwasser», sagte ein Sprecher des THW. Dort sind zwei Trinkwasseraufbereitungsanlagen aufgebaut worden: Sie können 30.000 Liter Wasser pro Stunde aufbereiten und somit Tausende von Menschen in der Region versorgen, sagte er.

Im Laufe des Montags sollte sauberes Wasser an Bürger abgegeben werden, ab Dienstag dann auch ins Netz des Krankenhauses eingespeist werden. Neben den beiden Anlagen sorgt bereits eine weitere Anlage im Ort Schuld für sauberes Trinkwasser. Zudem gebe es eine weitere vierte Anlage in Bereitschaft: «Wir schauen gerade, wo wir die aufbauen», sagte der Sprecher.

Seehofer erwartet Kosten in Milliardenhöhe

Seehofer schätzt die Kosten für den Wiederaufbau auf mehrere Milliarden Euro. «Das ist eine Ausnahmesituation, die wir auch bei aller Anstrengungen vor Ort nur in einem großen nationalen Kraftakt bewältigen können.»

Nach dem verheerenden Unwetter im Südosten Bayerns war auch in Passau eine Hochwasser-Katastrophe befürchtet worden – doch die Lage hat sich mittlerweile entspannt.

Am Morgen lag der Wasserstand der Donau in Passau bei 8,19 Metern und damit unterhalb der höchsten Hochwasserwarnstufe von 8,50 Metern. Auch der Inn bereitet derzeit keine Sorgen. Einzelne Bereiche der Stadt wurden zwar überschwemmt. Von katastrophalen Zuständen sei man aber zum Glück noch entfernt, sagte ein Polizeisprecher am Morgen. Die Feuerwehr rechnet damit, dass am Abend oder spätestens am Dienstag die Aufräumarbeiten beginnen können.

Auch im besonders stark von Unwettern getroffenen Berchtesgadener Land konnten die Menschen aufatmen. «Die Nacht verlief ruhig», hieß es bei der Feuerwehr. Die Helfer seien mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Anlass zur Hoffnung geben auch die Wetteraussichten. Bis auf einzelne kurze Schauer soll es in den kommenden Tagen trocken bleiben. Unwetter seien derzeit nicht in Sicht, sagte ein Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

Brenzlige Lage im Bertesgadener Land

Im Berchtesgadener Land war die Lage am Wochenende besonders dramatisch. Der Fluss Ache war über die Ufer getreten und hatte sich in einen reißenden Strom verwandelt. Auch von den Bergen schoß Wasser ins Tal. Häuser liefen voller Wasser, manche drohten gar, einzustürzen. Hänge rutschten ab, Teile von Straßen brachen weg, Bahngleise wurden verschüttet oder überflutet. Mehr als 160 Menschen mussten in der Urlaubsregion rund um den Königssee aus ihren Häusern in Sicherheit gebracht werden.

Auch andere Flüsse schwollen an, etwa in Oberbayern die Loisach bei Schlehdorf im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen oder die Isar in München. Dramatisch wurde es jedoch nicht. In Neuburg an der Donau überschritt das Hochwasser knapp die Meldestufe 3 mit 4,63 Metern.

Nach den großen Überschwemmungen entspannt sich auch in den Niederlanden die Lage. Die hohen Wasserstände in den Flüssen im Süden des Landes gehen nach Angaben der Behörden vom Montag nun schnell zurück. Die größte Gefahr für Bürger sei gewichen, teilten die Behörden mit. Einwohner aus Venlo bei der deutschen Grenze, die vorsorglich ihre Wohnungen verlassen mussten, konnten dorthin zurück kehren.

Die Behörden mahnen allerdings zur Wachsamkeit. Die Deiche könnten durch die großen Wassermassen beschädigt sein. Sobald das Wasser gesunken sei, sollten sie extra auf Schwachstellen kontrolliert werden.

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